Autor Thema: Abschied vom Russentier - 15.03.2020  (Gelesen 10618 mal)

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Offline zainoTopic starter

  • Mein Pferd ist als Pferd eine Katastrophe, als Mensch ist es unersetzlich.
  • Mitglied
  • *
  • Beiträge: 5.752
Abschied vom Russentier - 15.03.2020
« am: 22.03.20, 18:37 »
Es ist ruhig geworden hier im Forum, und um uns 2 schon lange. Berufliche und örtliche Veränderungen, Stress bei mir, beginnendes Alter beim Zausel.
Wobei es ihm am neuen Wohnort bis zum 13.03. in der Frühe noch bombig gut ging. Donnerstag den 12. muss er noch über die Koppeln gefegt sein. Er war IMMER Beschützer und Chef jeglicher Stute im Stall, bis zum Schluß. Freitag früh meldung der SB an mich, Cyrano lahm vorne links, schwitzt, liegt und leidet.
TA? Die von der Klinik konnten nicht vor 14 Uhr. Weils dringling schien, organisierten wir einen alten Herrn, Landtierarzt, der kam schon im 10. Keine Minute zu früh, denn erstmals kam mein Pferd nicht mehr beim ersten Versuch auf die Beine.

Belastete fast nicht, schwitzte und litt. TA vermutete, kein Hufgeschwür, spritzte und ging.
Samstag leichte Besserung. Der alte Knabe hoppste mir fast bis zum Auto hinterher die Stallgasse lang, um zu gucken, wo ich bin, u.s.w.
So weit, so gut.
Sonntag früh erneut übel, Pferd viel am Liegen, Schwitzen, auf 3 Beinen.
TA wollte eh kommen.
Ich fuhr eine andere Route zum Stall und baute den ersten schuldhaften üblen Unfall meines Lebens. Während der TA erneut (um den Blechhaufen an der Kreuzung herum) zum Stall fuhr, schleppten mich erstmal die Sanis ab. Polizei meinte auch, so von wg. fahrlässiger Körperverletzung. Mein Auto im Eimer. Und wenn noch einer was über SUV sagt, wäre ich in so einer Nuckelpinne gesessen statt im dicken yeti, wäre ich jetzt nicht nur verbeult, sondern Matsch.

Egal. Am Abend neue SB-Meldung, Pferd nur noch am Liegen, Aufstehen, Liegen, Schwitzen. Meine liebe Nachbarin fuhr mich hin. Doppelt lieb, weil sie mit Mitte 70 ja auch schon viel erlebt und viele verloren hat, Mensch und Tier. Sie wusste also, das wird keine schöne Fahrt.

Schon am Telefon (der gute alte TA sagte zu, sofort zu kommen, ohne Murren und Gezeter, trotz Virus & Co) deutete ich an, was mir in der Seele spukte.

Denn wenns kein Hufgeschwür ist, ist es was Schlimmes. Und die erste Idee, Montag früh mit Ultraschallgerät und Kollegen anzurücken, hatte den einen Haken: Wenn das Pferd über Nacht da liegt, allein ist, unter Schmerzen, patschnass trotz Decke, am End zum Festliegen kommt, nur damit wir am Montag Vormittag WAS genau feststellen? Dass was ganz Fieses kaputt ist, das wir bei dem 28jährigen nicht mehr tierschutzrelevant in Ordnung bringen können.....  :'( :'( :'( :'(

Pferd lag, als wir kamen, stand dann aber auf. Abschwitzdecke fühlte sich an, als hätte es ihn eingeregnet. Er stand, aber auf 3 Beinen. Das links vorne hielt er vor sich, zitternd und wankend. Da war kein Glanz mehr in den Augen, und ich merkte, wie er wankte, als er den Kopf auf meine Schulter legte. Vorher hatte ich die anderen drei aus dem Stall geschmissen, erstmal Schluß mit dem Gelaber. Es war eh klar.

Er würde KEINEN Schritt mehr tun müssen und auch keine lange Nacht mehr leiden.

TA hatte Schussapparat dabei. Es dauerte nur 1 Sekunde und das war gut so.

Nicht heulen jetzt. Wir hatten 26 lange Jahre!!! zusammen. Wir haben viel erlebt und voneinander und miteinander gelernt. Er war ein großmütiger, liebenswerter, eigensinniger, doch stets umgänglicher, wunderbarer Freund und Gefährte. Schön und stolz und freiheitsliebend. Ich habe mir die größte Mühe gegeben, damit er ein pferdewürdiges Leben hatte. Manchmal hab ich auch Bockmist gebaut und Fehler begangen. Aber es war mir nie egal, ob es ihm gutging. 

Stellt Euch einfach vor, wie er mit allen seinen Freunden und Freundinnen mit mindestens 60 Stundenkilometern über die Immergrüne Ewige Steppe brettert. Vielleicht wird er später ab und an mal den Kopf heben und vom Gras aufschauen, ob .... ???

Wer hier noch mitliest, liebe Grüße, bleibt gesund und lasst es Euch gut gehen.

Offline sasthi

  • Bewohner
  • *
  • Beiträge: 4.688
  • Geschlecht: Weiblich
Re: Abschied vom Russentier - 15.03.2020
« Antwort #1 am: 22.03.20, 19:00 »
Zaino, mein Beileid, ich durfte ja das Russentier noch kennenlernen.

Viele Grüße sasthi
Wenn zwei das Gleiche tun ist das noch lange nicht das Selbe.

Haflinger sind nicht stur, sie geben ihrem Menschen nur mehr Zeit, über seine Fehler nachzudenken

Offline Kiowa

  • Bewohner
  • *
  • Beiträge: 5.482
    • Tauschticket
Re: Abschied vom Russentier - 15.03.2020
« Antwort #2 am: 22.03.20, 19:45 »
Ach wie traurig, mein Beileid!
Wir kennen uns nicht, aber vor Jahren habe ich viel von euch gelesen.
"God put me on this earth to accomplish a certain number of things. Right now I am so far behind that I will never die." (Bill Watterson)

Offline glögli

  • Mitglied
  • *
  • Beiträge: 594
  • Geschlecht: Weiblich
Re: Abschied vom Russentier - 15.03.2020
« Antwort #3 am: 22.03.20, 21:09 »
Oh der Zausel   :'( mein Beileid. Run free. Und dir viel Kraft in der schweren Zeit.  :-*
Unterwegs mit einem Südländer und zwei Österreicher

Offline zainoTopic starter

  • Mein Pferd ist als Pferd eine Katastrophe, als Mensch ist es unersetzlich.
  • Mitglied
  • *
  • Beiträge: 5.752
Re: Abschied vom Russentier - 15.03.2020
« Antwort #4 am: 22.03.20, 21:17 »
Hey, danke fpr die lieben Worte. Er ist aber fast so leichtfüssig aus meinem Leben galoppelt wie er 'reinkam. Er ist irgendwie immer noch bei mir, im Herzen. Es überwiegt gegenüber dem Traurigsein die Dankbarkeit für die lange, erfüllte gemeinsame Zeit, und auch Dankbarkeit, dass es schnell und eindeutig war, keine quälende langwierige Viecherei. Irgendwo auf der anderen Seite vom Regenbogens trifft man sich vielleicht wieder, nichts ist umsonst, nichts verloren.
Ok, traurig vielleicht wg. seiner Frührente - die letzten Jahre hatte ich nicht mehr so viel Zeit für ihn, aber er hatte es gut, war in liebevollen Händen, top versorgt und hatte große Lebensfreude bis 1 Tag vor der Verletzung.

Offline Frau Peh

  • Mitglied
  • *
  • Beiträge: 2.039
  • Geschlecht: Weiblich
    • Comic-Schilder und andere schöne Dinge
Re: Abschied vom Russentier - 15.03.2020
« Antwort #5 am: 22.03.20, 21:41 »
aber er hatte es gut, war in liebevollen Händen, top versorgt und hatte große Lebensfreude bis 1 Tag vor der Verletzung.
...und das ist doch eigentlich das, was wir alle unseren Pferden wünschen.
Run free, Russentier, ich hab eure Geschichten immer gerne gelesen!

Offline Hexle

  • Ich bin nicht auf der Welt um so zu sein, wie andere mich gern hätten
  • Bewohner
  • *
  • Beiträge: 6.006
  • Geschlecht: Weiblich
Re: Abschied vom Russentier - 15.03.2020
« Antwort #6 am: 22.03.20, 22:44 »
Zaino das tut mir sehr leid  :'( jetzt rennt das Russentier mit ZF und ZF Senior um die Wette und hat Spaß
Du wirst sicher nicht jedes Ziel erreichen, dass du dir gesetzt hast. Du wirst aber ganz sicher kein Ziel erreichen, dass du dir nicht gesetzt hast...

Offline tara

  • ein Pferd ohne Reiter ist immer noch ein Pferd...
  • Bewohner
  • *
  • Beiträge: 7.700
  • Geschlecht: Weiblich
    • IG Karabagh & eurasische Pferderassen e.V.
Re: Abschied vom Russentier - 15.03.2020
« Antwort #7 am: 23.03.20, 08:13 »
jetzt rennt das Russentier mit ZF und ZF Senior um die Wette und hat Spaß
und mein Tersker rennt fröhlich mit und heißt ihn willkommen

fühl dich gedrückt....
« Letzte Änderung: 23.03.20, 11:53 von tara »
stell dir vor, du hast ein Pferd und es kann nicht t ö l t e nin diesem Sinne...
Gruß tara

"Ausbildung heißt, das zu lernen, von dem du nicht einmal wußtest, dass du es nicht wußtest."
(Ralph Waldo Emerson, (1803 ‐ 1882)

Offline Hatice

  • Mitglied
  • *
  • Beiträge: 1.088
Re: Abschied vom Russentier - 15.03.2020
« Antwort #8 am: 23.03.20, 11:23 »
Zaino, das tut mir sehr, sehr leid!  :'( :'( :'(

Mein Lollo ist ja auch anfangs Januar sehr plötzlich verstorben (nur drei Tage nach seinem Kumpel), er wurde knapp 24 Jahre alt, 23.5 Jahre davon kannten wir uns. Es tut weh, aber letztlich bleiben uns allen sehr viele schöne Erinnerungen. Und sie sind jetzt auf der immergrünen Wiese eine grosse, fröhliche Herde!

Alles Liebe!

Offline Ipanema

  • Mitglied
  • *
  • Beiträge: 877
Re: Abschied vom Russentier - 15.03.2020
« Antwort #9 am: 25.03.20, 22:11 »
Zaino, das tut mir leid, hab's gerade erst gelesen, bin auch nicht mehr oft hier. Aber schöne Worte hast du gefunden. Run wild and free, Cyrano! Und grüße mir den Traumschimmel und all die anderen...

Offline carola

  • Moderatoren
  • *
  • Beiträge: 8.586
  • Geschlecht: Weiblich
  • pferdelos glücklich...
Re: Abschied vom Russentier - 15.03.2020
« Antwort #10 am: 25.03.20, 22:39 »
Wie furchtbar. :'(
Und dennoch: die beste Entscheidung für das Tier! Was hätte das werden sollen? Selbst ein garstiges Geschwür hätte einen Rattenschwanz nach sich gezogen, den der alte Knabe eben nicht so einfach hätte wegstecken können. So war er wenigstens glücklich bis zum Schluss. Und es gibt sicher keinen, der in der Rückschau nicht irgendetwas findet, das er hätte besser machen können. Fehler machen alle - aber wichtig ist doch, dass man in jeder lSituation das beste für das Pferd gewollt hat.
Ein gewisses Maß an Unordnung ist der Preis für Freiheit!

Offline Sonne

  • Mitglied
  • *
  • Beiträge: 1.152
Re: Abschied vom Russentier - 15.03.2020
« Antwort #11 am: 26.03.20, 07:14 »
Traurig einen so guten Freund gehen zu lassen  - schön hast geschrieben. Fühl Dich gedrückt.. und ja habe ihn frei galoppierend im Kopf.. denn das tut er jetzt.

Offline pedro

  • Bewohner
  • *
  • Beiträge: 1.223
  • I care not!
Re: Abschied vom Russentier - 15.03.2020
« Antwort #12 am: 07.04.20, 08:28 »
Liebe zaino,

ich hab es erst jetzt gesehen.  :(

Es tut mir sehr leid für dich.
Danke, dass du so stark warst, bei ihm zu sein, für ihn da zu sein und ihm einen würdevollen Abschied zu bereiten.

Alles Liebe
Problemlösung a la Captain Becker: Kann ich nicht einfach auf was schießen?

Offline marmay

  • Bewohner
  • *
  • Beiträge: 625
  • Geschlecht: Weiblich
    • Mensch und Tier im Lot
Re: Abschied vom Russentier - 15.03.2020
« Antwort #13 am: 14.04.20, 09:01 »
Jetzt bin ich seit langer Zeit wieder mal im Forum und muss das lesen. Mein herzliches Beileid!
LG MM

Offline zainoTopic starter

  • Mein Pferd ist als Pferd eine Katastrophe, als Mensch ist es unersetzlich.
  • Mitglied
  • *
  • Beiträge: 5.752
Re: Abschied vom Russentier - 15.03.2020
« Antwort #14 am: 24.05.20, 15:27 »
Hey, das tut mir ebenfalls sehr Leid. Ich hoffe Du findest Kraft um durch die schwere Zeit zu kommen und vielleicht muntert dich das ja auf!
https://viewer.ipaper.io/r-web/einhorn/einhorn-kredit/#/

??? Nö, muntert mich nicht auf, erstens brauche ich die Art Aufmunterung nicht, denn es wird (und das ist für mich ok so) kein Nachwuchspferd geben. Zweitens würde ich jeden anderen AUCH NICHT ermuntern, da zuzugreifen, denn wenn schon die Anschaffung zum Problem wird, wie ist es dann mit Tierarzt, Hufpflege, anständiger Ausrüstung, einem guten Stall, Training und Anleitung? Das leppert sich, und zwar Monat um Monat, Jahr um Jahr.
Ja, ich weiß, momentan wird viel wird mit "Kredit fürs Pferd" geworben. Halte das für keine gute Entwicklung. Immer wenns ums Geld geht und das Pferd dann evt. Erwartungen nicht erfüllt, wirds hässlich. Auch eine Trennung, wenn einem alles übern Kopf wächst, ist bitter für Mensch und Tier.

Carola, nein, Hufgeschwür scheidet eher aus. TA hat das als erstes gecheckt. Wärs das gewesen, hätte es sich zumindest mit 3 starken Injektionen kurzfristig zurückdrängen lassen. Das war irgendwas richtig Böses, TA tippte auf Verletzung der Kapsel im Fesselgelenk oder Fissur und die Schmerzreaktion und die Verfassung übler als alles, was wir je erlebt hatten.

Vielen Dank für die lieben Worte! War nicht mehr hier drin seither.
Hoffe, es geht Euch allen gut und Euren Viechern, und habt noch lange schöne Zeiten mit ihnen!
« Letzte Änderung: 24.05.20, 15:35 von zaino »