Autor Thema: Hund und Pferd verträglich erziehen?  (Gelesen 982 mal)

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Offline RalfMayerTopic starter

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Hund und Pferd verträglich erziehen?
« am: 18.07.17, 16:37 »
Haloo Freunde,

wir überlegen uns einen Labrador anzuschaffen um auch die jüngeren in unserer Familie gleich mit Tieren in Kontakt zu bringen. Habt Ihr schonmal einen Hund so erzogen, dass er mit dem Pferd gut auskommt? Ich denke mal, dass das klappen sollte, wenn man den Hund im Welpenalter kauft.

Offline Anna-Lena

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Re: Hund und Pferd verträglich erziehen?
« Antwort #1 am: 26.05.20, 14:12 »
Hallo,
also meine Eltern haben damals für mich einen Hund gekauft und der war von Anfang an bei den Pferden dabei. Klar am Anfang ist das für alle Beteiligten ungewohnt aber sowohl der Hunde, als auch die Pferde haben sich schnell daran gewöhnt. Wir konnten den Hund dann sogar zum Ausreiten an der Leine mitnehmen. Also meiner Meinung nach ist das auf jeden Fall möglich und für Kinder eine große Bereicherung.

Offline Canada

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Re: Hund und Pferd verträglich erziehen?
« Antwort #2 am: 27.05.20, 03:41 »
ff. Teil 2

Mein "Wotan", ein halbes Kaltblut (Andrea T. hier im Forum kennt ihn ja noch) hatte richtig Bammel vor pferdefressenden Holzstapeln im Wald und vor knatternden Motorraedern. Zu Problem 1: einen Waldweg gewaehlt, von dem ich wusste, dass dort ein solcher grosser Stapel lagerte. "Wotan" darauf zugelenkt, bis er zunaechst zum Standbild wurde, aber mit drachenartigem Geblase, jedoch ohne Feuerstrahl. Ploetzlich eine 180° Hinterhandwendung und der Versuch, wegzukommen. Pferd langsam ueber die Zuegel wieder eingefangen, kehrt, 2. Versuch. Gleiches Ergebnis, wieder kehrt. Diesmal schon naeher ran. Gut so, abgebrochen. Weggeritten.

Am naechsten Tag wieder hin. 1. Versuch, Ergebnis wie Vortag. 2 Versuch, diesmal noch naeher ran. Wie zuvor, leichter Schenkeldruck und immer, immer monoton zureden. Das ist ganz wichtig. Und siehe da, ein Pferd, das seinem Reiter vertraut, tut auch das, was er mit Geduld zu vermitteln sucht. Jetzt schnupperte "Wotan", noch recht aufgeregt, direkt an dem Holzstoss, auch zitterte er noch etwas, aber er stand. Nach einiger Zeit ritten wir an dem Holzstoss entlang und das Thema war auf Ewig gegessen.

Problem 2: wegen der Motorraeder ritten wir auf einem Waldweg an eine Strasse, die haeufig zu gewissen Zeiten von den Knattermaschinen befahren wurde. Erst hielten wir in gebuehrender Entfernung, sodass der Laerm nicht zu laut war, dann rueckten wir immer naeher an die Straase heran. Nach 3 Tagen wollte “Wotan” den Motorradfuehrerschein machen.

Noch Fragen ?



Also: Hund und Pferd ohne Lamentieren zusammenbringen. Dazu ist zu beachten: eine altbekannte Weisheit ist, dass Hunde an der Leine immer mutiger sind als freilaufende Koeter. Warum ? Auch Hunde haben eine Psychologie. “Und wenn ich hundertmal ein Feigling bin, mit Herrchen oder Frauchen am anderen Ende der Leine habe ich immer ein sicheres back-up. Falls es schiefgeht, wird mir schon geholfen”.
Problem ist nur, dass das andere Ende der Leine auch ein Feigling ist. Deshalb ist Hundchen ja an der Leine.

Natuerlich gilt all das nicht ausnahmslos. In manchen Faellen sind entweder Hund, Pferd oder Herr-/Frauchen schon so verdorben, dass nur System “zurueck zu Feld 1” geht: Grundausbildung ! Alles von vorne. Warum dauert eine Ausbildungszeit im Betrieb ueblicherweise 3 Jahre ? Weil es viel zu lernen gibt und alles gut beherrscht werden muss. Sonst faellt die Pruefung ins Wasser. In unserem Fall gibt es im besten Fall boeses Blut, schlimmstenfalls kommt es zu einem Unglueck.

Hier in Kanada habe ich vor Jahren meinem Nachbarn einen Yellow Labrador abgenommen, der diesen fuer ein Jahr an einen Baum gekettet hatte, bzw. diesem nach meinem Einschreiten eine voellig unzureichende Huette fuer den Winter hinstellte. Naeheres dazu findet sich in meinem Video “Jack & Konsorten”, zu finden in der Fotobox Canada.

Er war 1 Jahr alt, als ich Jack uebernahm. Wie schon beschrieben, musste Jack erst reifen, bis ich ihn zu Pferd m itnehmen konnte, aber schon zuvor hatte er direkt Kontakt mit meinen Pferden, und das vom ersten Moment an ohne Beruehrungsaengste. Andere meiner Videos zeigen, wie Jack insbes. mit Gismo spielt.

Hund und Pferd sind absolut kein Widerspruch, sondern aus meiner Sicht natuerliche Partner ueber die menschliche Verbindung. Beispiel: Jack streift immer weitlaeufig um Gismo und mich auf unseren Ausritten  herum. Manchmal aber findet er etwas Interessantes direkt in unserer Marschrichtung und bekommt dann gelegentlich nicht mit, dass Gismo naht. Der stoppt dann einen Schritt vor Jack, der sich nicht stoeren laesst, und wartet, bis der den Weg wieder freimacht. Alles ohne mein Zutun.

Aber: als ich vor Jahren einmal nicht zu Hause war, geschah folgendes, das mein Nachbar beobachtete und mir spaeter berichtete. Anhand seiner Angaben konnte ich den Verlauf ueber Hufspuren nachverfolgen:

Ein Kojote hatte sich zum Stall verirrt, vielleicht hoffte er, meinen Schafbock “Hamlet” als Dinner zu haben. Dabei kam er aber wohl den Pferden zu nahe und sah sich unversehens mit Gismo konfrontiert. Und das lief so ab:

Gismo jagte den Kojoten parallel zum Haus Richtung vorbeifuehrende Strasse. Dort befindet sich der Koppelzaun. Der Kojote muss unter dem Zaun durchgeschluepft sein, waehrend Gismo waehrend der Verfolgung einen Satz ueber selbigen machte, und dabei auch gleich den breiten und hohen Strassengraben ueberwand. Deutliche Hufspuren auf der Bankette zeugten davon. Dann im rechten Winkel etwa 30 m auf der Strasse und am Zaun entlang, um dann wieder hinter dem Kojoten nach rechts in den nicht umzaeunten, grasbewachsenen Garten meines Nachbarn mittels erneuter 90° Wendung zu brettern und solange hinter dem Raubtier her, bis dieses in dichtem Buschgelaende entkommen konnte. Mein Nachbar legte dann einen Strick um Gismos's Hals und fuehrte ihn nach Hause zurueck. Also wenn ein Hund einem selbstbewussten Pferd bloed kommt, kann dieses sich durchaus erfolgreich zur Wehr setzen, wie ja auch schon die Stute zu Anfang meines Sermons bewiesen hatte.

Ich hoffe, dass diese meine Ausfuehrungen hilfreich sind.
Um Feinde zu bekommen, ist es nicht nötig, den Krieg zu erklären. Es reicht, wenn man einfach sagt, was man denkt!

Offline Canada

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Re: Hund und Pferd verträglich erziehen?
« Antwort #3 am: 27.05.20, 03:43 »
Teil 1:

Nachdem Anna-Lena auf eine alte Anfrage aus dem Jahr 2017 nochmal geantwortet hat, habe ich mir die Zeit genommen und dieses Thema, da es sicherlich als zeitlos angesehen werden kann, mit eigenen Erfahrungswerten ausgearbeitet. Andere moegen unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben, aber fuer mich waren meine Ausbildungsmethoden erfolgreich. Deshalb hier mein Bericht:


Ich werde diesen Sommer 69 Jahre alt, davon habe ich 65 Jahre Hunde selbst gehabt bzw. bin als Kind damit in der Familie gross geworden. Nur waehrend meiner 4-jaehrigen Bundeswehrdienstzeit war ich naturgemaess tierlos. Pferde haben wir in der Familie seit 30 Jahren. Einfache Mathe: jahrzehntelang trafen beide Spezies bei uns aufeinander.

Der erste unserer Hunde, der direkt mit Pfertden zusammentraf, war “Held”, mein Deutsch-Stichelhaar-Ruede (eine alte deutsche Vorstehhunderasse). Meine Hunde habe ich immer selbst ausgebildet, egal, ob sie als Welpe oder erwachsener Hund ins Haus kamen. Z. Zt. habe ich Hund Nr. 9, Jack.

“Held” kam als 1984  als 4 Monate alter Welpe zu uns; ich habe ihn vom ersten Tag an ausgebildet. Bei einem jungen Hund funktioniert das auf eine Art, dass der Welpe dies garnicht als Ausbildung im strengen Sinne mitbekommt. Simple Anleitungen auf leicht verstaendliche Weise, etwa so, wie eine Huendin ihrem Nachwuchs erste Verhaltensweisen mit auf den Weg gibt. Das ganze Geheimnis bei der Erziehung von Kindern wie Tieren besteht in positiver, also empathischer Autoritaet, und Konsequenz. Autoritaet meint nicht Strenge, sondern einfach ein natuerliches Selbstbewusstsein des Ausbilders, das Anordnungen, deren Erlernen und Befolgen dem Ausbildungsobjekt als etwas ganzselbstverstaendliches erscheinen lassen.

Die weiteren Erlaeuterungen dazu beziehen sich jetzt grundsaetzlich nur auf Tiere aller Art, bezugnehmend auf Deine Anfrage speziell auf Hunde und Pferde.

“Held” hatte seine uebliche Grundausbildung bzgl. allg. Gehorsam mit 13 Monaten sehr erfolgreich abgeschlossen, d. h., die Grundkommandos Sitz, Ablegen (Platz), Herein(kommen) und “bei Fuss” sassen sicher. Ich darf dabei darauf hinweisen, dass keiner meine Hunde in seinem ganzen Leben nie eine Leine auch nur gesehen hat, geschweige denn, daran angeleint wurde. Ein Hund, der eine Leine braucht, ist nicht ausreichend ausgebildet.

Ich hoere schon den allgemeinen Aufschrei diesbzgl. Aber bitte beachten: ein Hund, der so vollkommen ausgebildet und gehorsam ist, hat dann sein ganzes Leben lang Freiheiten, von denen andere Vierbeiner nicht einmal traeumen koennen. Auf diese Anmerkung komme ich spaeter nochmal zurueck, wenn es um Hunde als Reit-Begleitpartner geht. Das gilt auch, wenn der Hund am Fahrrad mitgefuehrt wird. Ein unangeleinter, sicher am Rad mitlaufender Hund kann in keinem Fall den Radfahrer durch Zug zu Fall bringen. Richtig ?

Im Alter von ca. 1,5 Jahren lief “Held” auf die an unser Grundstueck (Dorfrand) grenzende Pferdeweide meines Nachbarn. Dort befand sich eine Stute mit ihrem noch ganz jungen Fohlen. “Held” lief voellig uninteressiert etwa 15 Meter an den beiden vorbei, die Stute jedoch sah ihn als Bedrohung an und attackierte den Hund unverzueglich. “Held” kannte die beiden seit langem aus der Entfernung, war also mit der Anwesenheit der Pferde vertraut und sah seinerseits  die Stute nicht als Gefahr an. So war das Muttertier schlagartig direkt ueber ihm und trat mit allen Vieren nach unten, also eine lebensbedrohende Situation fuer den Hund. Die Aktion dauerte nur Sekunden, und ueberraschenderweise entkam “Held” dem Angriff ohne die geringste Blessur. Er lernte aus dieser Lektion und hielt kuenftig einen Sicherheitsabstand zu Pferden, ohne Angst vor ihnen zu haben. Dies zu einer Zeit, als wir noch keine eigenen hatten.

Unser erstes Pferd, “Radscha”, ein Westfale, kauften wir 1991 fuer unsere Tochter. Er war 9 Jahre alt und war als Springpferd durch eine harte, gelinde gesagt, Schule gegangen. Spaeter fanden wir heraus, dass er gebarrt wurde, er hatte Tuerzwang und eine grosse Abneigung gegen Maenner, was Baende spricht. Mit meiner Tochter sollte er Dressur gehen. Sie war nicht unerfahren mit Pferden, hatte ueber Jahre zuvor eine aktive Reitbeteiligung und viel Unterricht gehabt.

Wir gaben uns viel Muehe mit unserem neuen Pferd, und nach ca. 1,5 Jahren hatten wir sein Vertrauen in die Menschen wiederhergestellt.

Nun hatten wir also die Situation, dass wir Hund und Pferd hatten. Ja was ? Nichts, na was ! Keiner reagierte aggressiv auf den anderen. Was “Radscha” angeht, meine ich, dass er, trotz der ansonsten wohl sehr rueden Behandlung, Hunde kannte, was ja in Anbetracht der vielen Hunde auf Tuernieren und in vielen Stallen nicht verwundert. Und schlechte Erfahrungen mit diesen hatte er, im Gegensatz zu denen mit Zweibeinern, offensichtlich nicht gemacht. Andrea T. hier im Forum wird sich noch an “Radscha” erinnern koennen, wir waren ja zeitweise im selben Stall.

Und “Held” ? “Was kuemmert mich der Gaul ?” Er lief auf dem Pensionsstall umher, war freundlich zu jedermann und hielt geringen Abstand zu allen Pferden. Es gab nie Probleme. Und, s. o., das beruhte nicht zuletzt auf der guten Erziehung, die ihm Jahre zuvor zuteil geworden war. Konsequent, falls gelegentlich notwendig, weiterhin darauf geachtet, und (s.o.) der Hund konnte seine Freiheit geniessen und jeder mochte ihn. Auch die anderen Pferde haben sich an ihm nie gestoert. Ein aggressionsloser, abstandhaltender Hund stoert kein gesundes Pferd. Corona liess schon damals gruessen.

Etwa 3/4 Jahre nach dem Kauf “Radscha's” juckte es auch mich wieder, mit dem Reiten zu beginnen. Als Kind hatte ich fuer 2 Jahre richtigen Reitunterricht gehabt und war damals auch in der Gruppe mit Reitlehrer ausgeritten. Das war zu diesem Zeitpunkt zwar schon rund 35 Jahre her, aber die Basis war noch vorhanden. Das ist wie Fahrradfahren, man verlernt es nie ganz und kann die Kenntnisse bald reaktivieren.

Zunaechst musste ich mich also wieder “einarbeiten” und hatte damit genug zu tun, nahm also “Held” noch nicht mit auf meine Ritte. Ich hasse das Reiten auf dem Platz und in der Halle, nutzte die Einrichtungen nur, wenn ich etwas Spezielles ausprobieren oder trainieren wollte, was im Gelaende nicht moeglich war, z. B. Flattervorhang, Rueckwaertsrichten durch Stangen, mit dem Pferd ueber niedrig brennendes Lagerfeuer zu gehen u. ae.

Nach einem Monat taeglichen Ausreitens hatte ich wieder soviel Sicherheit im Sattel gefunden, um “Held” als  frei mitlaufenden Bgleiter mitnehmen zu koennen. Auch hatte “Radscha” sich trotz seiner Animositaet gegenueber Maennern inzwischen soweit an mich gewoehnt, dass er die Ohren nicht mehr durch Anlegen quasi unsichtbar machte.

Es zeigte sich, das mein Hund es als unwichtig ansah, ob ich mit ihm zu Fuss durch die Waelder streifte, oder zu Pferd. Er entfernte sich nicht weiter von mir, als er es auch zuvor getan hatte. Kamen wir in eine Situation, in der es empfehlenswert war, ihn nahe bei mir zu haben, gab es das Kommando “Fuss” - und “Held” nahm seine Position knapp 1 m links vom Pferd, exakt zwischen Vorder- und Hinterbeinen, ein.  Und das hatten wir nie zuvor geuebt. “Fuss” heisst “Fuss”, egal direkt bei mir oder beim Pferd, wenn ich darauf sass.

Alle Kommandos, die ich ihm jemals beigebracht hatte, befolgte er genauso, auch wenn ich auf dem Pferd sass.

Wie ichn schon erwaehnte, war “Held” ein Vorstehhund, also ein Jagdhund. Jedes Jahr nahmen wir an bis zu 13 Treibjagden teil. Eines Herbst fuhr ich mit “Radscha” und “Held” in die Gegend zwischen Reiskirchen und Gruenberg, um wieder einmal in einer anderen Gegend zu reiten. Unvermittelt geriet ich in eine Streife, das ist eine kleine Jagdgesellschaft mit wenigen Schuetzen und ohne Treiber, die auf der Hasenjagd waren, und nur einen Hund dabei hatten, dessen  jagdliche Ausbildung zu wuenschen uebrig liess. Wir begruessten uns, und ich hielt dann zu Pferd etwas Abstand, um die Jagdausuebung nicht zu stoeren. Einmal wurde ein Hase nicht richtig beschossen und lief verletzt weg. Der andere Hund war weit entfernt und bekam die Sache nicht mit. Mein Hund hatte alles genau verfolgt und war schon ganz nervoes, warum er nicht, wie sonst, sich an der Jagd beteiligen durfte.

Nun, wir gehoerten ja n icht zur Jagdgesellschaft, und hatten uns demnach zurueckzuhalten. Aber jetzt war eine Situation geschaffen, die ein Eingreifen, schon aus tierschutzrechtlichen Gruenden, rechtfertigte. Vom Pferd aus gab ich “Held” das Kommando “Fass – Apport” und wie ein Blitz schoss er hinter dem waidwunden Hasen her. Binnen Sekunden hatte er ihn erreicht, gefasst und brachte ihn, ohne ihm weitere Verletzungen zuzufuegen, zu mir ans Pferd. Ich beugte mich hinab, er reckte sich hoch, und ich nahm ihm den lebenden Hasen aus dem Fang. Dann trabte ich mit diesem zu den Jaegern und uebergab ihnen das Wild. Von da an waren wir Teilnehmer der Streife, ich hoch zu Pferd, mein Hund als Vorsteher und Apportierer.

Soviel zum Verhaeltnis von “Radscha” und “Held”, Pferd und Hund.

Aber 2 Herren (oder 1 Dame und 1 Herr) zu dienen, wurde fuer “Radscha” dann doch zuviel. Also sah ich mich nach einem eigenen Pferd um. Im Fruehjahr 1992 wurde ich dann fuendig, und Kaufte “Wind”, einen 6-jaehrigen engl. Vollblueter, der nach seiner Galopperkarriere nicht zum Schlachter musste, sondern von einem mitleidigen, weiblichen Wesen gerettet wurde. Leider kam sie mit ihm nicht klar, und ebenso 2 weitere Besitzerinnen. Die Verkaufsanzeige der letzten in der Reihe sah ich, und ohne hier auf die weiteren Umstaende einzugehen, schaute ihn mir an, ritt ihn Probe – und kaufte ihn. Er war ein armes Tier – introvertiert und ohne jegliche Anteilnahme an seiner Umgebung. Er tat, was von ihm verlangt wurde, mehr oder weniger apathisch. An ihm konnte man ablesen, wie in Rennstellen mit dem “Pferdematerial” umgegangen wird. Und durch 3 weitere Haende zu gehen, war der Sache auch nicht dienlich.

Es dauerte rund 3 Jahre, um aus “Wind” wieder ein offenes, teilnahmsvolles Pferd zu machen, incl. eines auf der Koppel zugezogenen, komplizierten Beinbruchs, der ihm eine aufwendige Operation und 9 Monate Boxenruhe einbrachte. Ich glaube, Andrea T. kennt auch Wind noch aus unserer gemeinsamen Stallzeit.

Kurz und gut: spaeter ritten wir fuer kurze Zeit Distanz, und den Initialritt ueber 30 km schlossen wir mit dem 2. Platz ab, wobei wir die letzten 15 km durchgaengig m Galopp absolvierten. Mit hervorragenden Puls- und Herzfrequenzwerten ! Auf Such-, Geschicklichkeits- und Orientierungsritten belegten wir immer vordere Plaetze, und einmal, in der Naehe von Lauterbach, gewannen wir die Konkurrenz gegen 80 weitere Teilnehmer.

Aber zurueck zu Pferd und Hund.

1991 war bereits “Boris” als weiterer Zuwachs in unsere wachsende Tierfamilie aufgenommen worden, ein Sohn von “Held”. Das erste Jahr mit ihm war natuerlich wieder fuer die ordentliche Grundausbildung reserviert, und ausserdem musste der Junghund natuerlich erst koerperlich fuer groessere Anstrengungen bereit sein. Zu fruehe harte Beanspruchung, der ein Hund, der bei mir Reitbegleithund ist, immer ausgesetzt ist (was aber bisher allen sehr gefallen hat), schadet dem zuerst noch weichen Knochengeruest und verursacht mit fortschreitendem Alter fruehzeitig Abnutzungserscheinungen, z. B. Arthrose. An dieser Stelle darf ich erwaehnen, dass beide Jagdhunde im Alter von 16 Jahren altersbedingt eingeschlaefert werden mussten. Aber beide hatten ein tolles Leben: Reitbegleithunde, intensiv jagdlich gefuehrt, voelligen Familienanschluss, immer ohne Leine, und in der Welt herumgekommen: “Held” nahm ich fuer 4 Wochen mit nach Namibia, als ich dort einen Zweigstelle meiner Firma eroeffnete. Hinten auf dem Pick-Up unter einer schattigen Plane, fuhr er mit durch die Namibwueste, hoch bis nach Omaruru, uebernachtete im besten Hotel in Windhoek als erster Hund jemals, und jagte aktiv Warzenschweine.

Boris reiste mit uns 2 mal nach Kanada, noch bevor wir nach hier auswanderten. Mit ihm durchquerte ich die Terminals der Flughaefen von Newark, NJ. Und Halifax, NS mehrfach “bei Fuss”, ohne Leine. Ein Gast im Hilton in Newark war von Boris so angetan, dass er uns draussen auf dem Parkplatz 1995 bereits auf der Stelle US$ 20000 (zwanzigtausend) fuer ihn anbot. Aber ein Familienmitglied verkauft man nicht (ausser vielleicht die Schwiegermutter, aber wer zahlt schon soviel Geld fuer eine Schwiegermutter ???)

Im Alter von etwa 1,5 Jahren (oder etwas spaeter) nahm ich dann Boris mit auf meine Ausritte mit “Wind” Nachdem er zuvor, ebenso wie sein Vater, immer mit in den Pensionsstall gekommen war, war er schon sehr fruehzeitig mit diesen Tieren bekannt und vertraut geworden. Kein Anklaeffen der Pferde, kein Laufen zwischen  deren Beinen, er zeigte ein neutrales Verhalten. Auch waren ja andere Hunde auf dem Reiterhof, mit denen er sich eher abgab. Was ganz wichtig ist: einen Junghund zwecks Sozialisierung IMMER mit anderen Hunden zusammenkommen lassen. Je mehr und je oefter solcher Kontakt stattfindet, desto ausgeglichener und umgaenglicher sind sie bei unverhofften Begegnungen.

Kleine Vorgriff auf spaeter: ein Spaziergang am Lahnufer in Leun brachte unversehens eine Begenung mit 2, wie ich zunaechst dachte, streunenden Pitbulls. Ich hatte dabei: “Boris”, “Einstein”, einen Jack-Russel-Terrier, “Shamey”, eine kleingewachsene Golden-Retriever-Huendin und “Cindy”, eine leichtgebauter Schaeferhund-Irgendwas-Mischung. Meine Vierbeiner, wie immer freilaufend, etwa 10 m vor mir. Alles war in dieser Situation moeglich, aber ein Blick auf die beiden Pitbulls reichte mir, um zu wissen, dass nichts passieren wuerde: die Ruten hoch wedelnd, die Ohren interessiert aufgerichtet – alles klar. Da kam auch schon panikbesessen die Besitzerin hinter einem der Brueckenpfeiler der Bruecke, unter der genau wir uns befanden, hervor, und wollte leicht panisch ihre Hunde zurueckrufen, was ich ihr aber schleunigst ausredete. Die Frau wusste nicht, ob sie traeumte. Jeder andere Hundebesitzer, dem sie mit ihrem Paar jemals begegnet war, hatte sofort mit Beschimpfungen begonnen, wie sie so gefaehrliche Hunde frei laufen lassen koenne. Bullshit ! Kein Hund ist von Natur aus gefaehrlich (Ausnahme: mental gestoerte, aber die gibt es auch unter den Menschen, und das in groesserer Menge). Gefaehrlich werden Hunde bewusst oder unbewusst gemacht. Gewisse Hunderassen gehoeren nur in die Haende von Leuten, die wissen, wie man auf die Eigenheiten der jeweiligen Rasse eingehen muss.

“Boris” agierte als Begleithund keinen Deut anderes als “Held”, im Gegenteil, falls das ueberhaupt moeglich war, eher noch besser, da er bereits von Anfang an mit Pferden vertraut war und schon frueh zum Begleithund wurde. Bis “Held” zu alt wurde, liefen immer beide mit.

Wir schon erwaehnt, kamen die o.g. Hunde aus den verschiedensten Gruenden zu uns. “Shamey” mit 6 Jahren, nachdem ich sie von einem unverantwortlichen Hundevermehrer rausgekauft hatte. Sie war ein koerperliches und seelisches Wrack. Im Rudel mit 3 anderen Hunden taute sie langsam auf, fand wieder Vertrauen und nach 4 Monaten hatte ich eine zuckersuesse, treue und anhaengliche, kleingebliebene Huendin.

“Cindy” war urspruenglich ein spanischer Strassenkoeter, der nach Deutschland gebracht worden und durch einige Haende gegangen war, bevor wir auch sie uebernahmen. Auch sie war zu diesem Zeitpunkt ca. 6 Jahre alt.“Einstein war der Hund meiner Tochter, der tagsueber bei mir war, wenn sie arbeitete. Ihn hatte sie als Welpen bekommen.

Lange Rede – kurzer Sinn: In der Zeit zwischen meinem Firmanverkauf und unserer Auswanderung nach Kanada lagen etwas mehr als 4 Jahre. (Anmerkung: alle 4 vorgenannten Hunde, 6 Katzen und 4 Pferde [“Wotan”, “Radscha”, “Wind” und der spaeter noch hinzugekommene “KwaZulu-Natal” }zogen mit uns um.Ein Tier, das einmal zu uns gehoert, bleibt, bis es stirbt.) Diese Jahre waren ausdgefuellt mit kleinen Nebenbeschaeftigungen, Reiten und Hundetraining. Binnen eines Jahres hatte ich die 3 neuen Hunde soweit, dass diese als Rudel mit mir auf die Ausritte gingen. Jeder Hund parierte auf's Wort, wobei in Standardsituationen noch nicht einmal dieses erforderlich war. Uebung macht den Meister ! Wenn z. B. Ein Wald­- oder Feldweg an einer Verkehrsstrasse endete, legten sich die vier nach einiger Zeit der Routine etwa 4 m vor der Strasse wie auf Kommando nebeneinander hin und warteten. Worauf ? Nun, ich ritt bis an den Strassenrand vor und schaute, wo der Weg auf der gegenueberliegenden Seite weiterfuehrte. Manchmal direkt gegenueber, manchmal auch 50 m links oder rechts. Ich reihte mich dann, wenn vorhanden, in den Strassenverkehr ein und verlies die Strasse dann wieder, und etwa 8 m in den anderen Wald- oder Feldweg anzuhalten, Gesicht zu der Stelle, wo die Hunde lagen. Zumeist konnten diese weder mich noch ich sie sehen, was aber auch nicht notwendig war. Ich checkte dann die gerade ueberquerte Strasse auf ankommenden Verkehr, und wenn keiner kam oder noch weit genug entfernt war, pfiff ich ein Signal, und 4 Hunde schossen in Warpgeschwindigkeit auf mich zu, setzten sich im Halbkreis um mein Pferd und warteten auf das Kommando, weiterzugehen, das ich gab, sobald ich mein Pferd in die neue Richtung gewendet hatte.

Glaubt jemand als das nicht ? Nun, dem kann  ich nicht abhelfen, aber vielleicht stoesst irgendwann ein neuer Teilnehmer zu diesem Forum, der mich aus alter Zeit kennt und irgendwann einmal  mit mir ausgeritten ist. Dann wir die Bestaetigung kommen, denn ohne meine Hunde bin ich nie ausgeritten.

Was will ich damit sagen ?

Nun, dass eine profunde Ausbildung alles ist, egal, worum es sich handelt. Hund und Pferd, wenn beide artgerecht, aber keinesfalls verzaertelt, behandelt werden, vertragen sich problemlos. Das wirkliche Problem ist immer der Mensch mit seiner Aengstlichkeit. Probieren geht ueber Studieren ! Wenn ich schon so Schwachsinnigkeiten wie “Ruhe im Stall” hoere, platzt mir der Kragen. Wie soll ein Pferd mit Umgebungslaerm oder neuen Umstaenden im Gelaende vertraut werden und ruhig bleiben, wenn ihm zu Hause all dies vorenthalten wird ? Das Gleiche gilt fuer einen jungen Hund. Beide sind, wie der Mensch, ein Gewohnheitstier. Was es kennt, juckt es nicht, aber erst muss es eben das, was es nicht kennt, kennenlernen. Dabei kann das Pferd natuerlich auch nervoes werden und mal einen Satz machen. Na und ? Wenn ich reiten kann, passiert (zumeist) nichts. Und wenn ich's nicht kann ? Dann muss ich es eben erst richtig lernen oder es ganz sein lassen. Falls erforderlich, muss man nicht nur das Tier trainieren, sondern auch sich selbst. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Und wer keine Traute hat, soll halt einfach stattdessen  stricken lernen oder sich Goldfische anschaffen. Aber weder Hund noch Pferd. So einfach ist das.

Ich bin noch nie vom Pferd gefallen, in 30 Jahren reiten. Aber schon 7 x mit Pferd gestuerzt. Zwar mit einigen Wochen Krankenhausaufenthalt, aber erfreulicherweise immer ohne bleibende Schaeden (bis auf 3 Schrauben, die ich nach 18 Jahren immer noch im Unterkiefer habe).

Um Feinde zu bekommen, ist es nicht nötig, den Krieg zu erklären. Es reicht, wenn man einfach sagt, was man denkt!