Autor Thema: Probleme beim therapeutischen Reiten fürs Pferd?  (Gelesen 3479 mal)

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Offline VeraTopic starter

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Hallo zusammen,

ich schreibe immoment eine Arbeit über pferdegestützte Therapie sozusagen aus der Sicht des Tieres. Jetzt bin ich auf der Suche nach Beispielen/Erfahrungsberichten von euch oder auch Literaturempfehlungen darüber, was dem Pferd bei der Therapie schaden kann. Ich kann mir z.B. vorstellen, dass ein Pferd bei Patienten schonmal was abbekommt, wenn die sich körperlich oder mental nicht unter Kontrolle halten können. Oder kann man sagen, dass sowas nur passiert, wenn der Therapeut/Reitlehrer nicht genug aufpasst? Gibt es Beispiele von Therapiepferden, die durch die therapeutische Arbeit einen psychischen Knacks bekommen haben oder kann ein gut ausgebildetes Pferd sowas ab? Und sind eventulle körperliche Schäden beim Pferd eher auf falsche Körperhaltung des Reiters/Patienten o.ä. zurückzuführen oder auf mangelnde Ausgleicharbeit etc.?
Würde mich über Antworten freuen. ;)

Gruß, Vera

Offline braunstern

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Re: Probleme beim therapeutischen Reiten fürs Pferd?
« Antwort #1 am: 19.02.11, 20:58 »
Hallo Vera,

bei meiner Ausbildung zur HPVR-Pädagogin wurde uns beigebracht, dass körperliche Schäden für's Pferd durch sinnvolle, vielseitige Ausgleichsarbeit (Gutes Reiten, Longe und Doppellonge, Bodenarbeit, Kopfbeschäftigung etc.), durch artgerechte Haltung (Herde, Weide, passendes Futter, Freizeit), und schließlich durch die aufmerksame Begleitung durch den Therapeuten vermieden werden können. Und genau die gleichen Maßnahmen sorgen auch für das psychische Wohlbefinden des Pferdes.
Mittlerweile arbeite ich seit mehreren Jahren reitpädagogisch und denke, dass diese o.g. Punkte tatsächlich zustimmen.

Wir nehmen für unsere Arbeit einmal wöchentlich Tiere, die "hauptberuflich" Reitpferde/-ponys auf einem Reiterhof mit regelmäßigem Unterricht sind. Auf dem Hof stehen ca. 40 Pferde, deren Hauptgeschäft Reitstunden für Kinder und Jugendlichen sind.
Da ist es nicht so leicht für die Pferde, sich super-feinfühlig auf unsere Therapiekinder einzustellen, denn sie erleben tagtäglich viele verschiedene Arten, behandelt zu werden. Erstaunlicherweise reagieren sie immer noch unterschiedlich auf die verschiedenen Charaktere unserer Therapiekinder. Von einem Kind lässt sich ein Pony führen, ein anderes bekommt es nicht vom Fleck usw.

Aber bei unseren Pferdchen gibt es auch ein paar Dominanzprobleme, speziell bei den kleinsten Shettys, die naturgemäß nicht von kompetenten Reitern zur Korrektur geritten werden können. Und auch die größeren Exemplare sind leider nicht immer so feinfühlig zu reiten und zu führen, wie man es von seinem eigenen kennt. Schulpferd halt.
Und das Pferd, das so artig und gut an der Longe läuft, ist jetzt leider ziemlich fertig auf den Knochen, weil er nicht nur von uns für die Therapie genutzt wird, sondern im normalen Betrieb auch noch für die Longierkurse eingesetzt wird. Und weil das Pferdchen ziemlich groß und stark ist, muss er leider im täglichen Betrieb auch als "Gewichtsträger" herhalten. Da zeigt sich z.B., dass er einseitig überlastet wurde. So soll es eigentlich nicht sein.
Vielleicht muss ich noch dazu sagen, dass wir dort auf dem Hof nur zu Gast sind und dementsprechend keine Möglichkeit haben, die erforderliche Ausgleichsarbeit zu machen. Dafür müssten wir die Pferde noch zusätzlich bezahlen (wie die Reitschüker), das gibt der Etat nicht mal ansatzweise her :-(

Andererseits durfte ich in meiner reitpädagogischen Ausbildung auf vorbildlich gehaltenen und behandelten Therapiepferden sitzen, die dermaßen sensibel auf mich und meine Stimmungen reagiert haben, dass ich völlig verstört von der "Hellsichtigkeit" dieser Pferde war. Ich fühlte mich regelrecht durchschaut ;-) Von daher sehe ich also, wie groß der Unterschied zwischen guten, echten Therapiepferden und zufällig ausgewählten Pferden für die Therapie ist.

Dass die "unorthodoxe" Haltung von Klienten dem Pferd schadet, halte ich für unwahrscheinlich, da eine durchschnittliche Therapie meist nur 20 bis 30 Minuten dauert. Danach ist dann ja Pause, oder der nächste Klient kommt, der garantiert anders draufhängt und das Pferd anders belastet. Ein Klient sitzt dem Pferd ja nicht Tag für Tag im Rücken, so, wie man z.B. sein eigenes Pferd schiefreitet, weil man vielleicht einen Sitzfehler mit sich rumträgt.
Dabei sollte das Pferd ja u.U. auch so ausgebunden sein, dass es sich rückenschonend trägt, und genügend Muskeln durch die Ausgleichsarbeit haben.
 
Wenn man Klienten mit Verhaltensauffälligkeiten hat, die sich dem Pferd gegenüber unfair verhalten, ist es natürlich die Aufgabe des Therapeuten, das Setting so zu setzen, dass das Pferd durch dieses Verhalten nicht geschädigt oder verunsichert wird.

Nur so aus Neugier, für was brauchst du denn diese Arbeit über pferdegestützte Therapie? Schule, Studium, Ausbildung?

Ich hoffe, dir mit diesen Gedanken ein wenig weitergeholfen zu haben.
Als Literaturtip würde ich dir die Fachzeitschrift vom DKThR empfehlen, die haben regelmäßig gute, auch wissenschaftlich fundierte Artikel über Th. Reiten. Da ist bestimmt auch viel über die Ausbildung der Therapiepferde drin.




Offline Terrier

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Re: Probleme beim therapeutischen Reiten fürs Pferd?
« Antwort #2 am: 19.02.11, 23:42 »
Ich bin noch keine "fertige" Reittherapeutin, lerne aber noch fleissig.
Ich arbeite aber schon in der Therapie, aber nur mit einem "Reitpferd" und einem Minishetty.

Jahrelang war ich im Behindertensport im In+Ausland und habe da viele Pferde kennengelernt, die teilweise im Sport und in der Therapie gingen.
Nie ist mir ein Pferd bekannt geworden, das ein Schaden davon getragen hat.
Wenn die Pferde genügend Ausgleich bekommen, werden sie sicher auch kein seelischen Schaden nehmen.

Ich denke mit Sicherheit, dass Schulpferde mehr Schaden nehmen als Therapiepferde.
der bissige Terrier schickt Grüsse
http://dhbf.daisypath.com/NE3Lp1.png
Ich bin zu alt um nur zu spielen und zu jung um ohne Wunsch zu sein

Offline FYLGJA

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Re: Probleme beim therapeutischen Reiten fürs Pferd?
« Antwort #3 am: 21.02.11, 16:46 »
Hallo zusammen,

da muss ich Terrier widersprechen! Leider passiert es immer wieder in vielen Einrichtungen des Therapeutischen Reitens, dass die Therapiepferde 'verschlissen' werden und abstumpfen, obwohl alle in der Ausbildung eigentlich etwas anderes lernen - oder zumindest sollten!
Aber in der späteren Praxis fehlen entweder Pferde oder man nimmt aus Geldgründen doch zuviel/'unpassendes' (in bezug auf die Pferde) Klientel, die Zeit für die sorgfältige Ausbildung und/oder den psychischen/physischen Ausgleich für die Pferde fehlt, oder, oder...

Ich lese, höre und sehe das immer wieder bei unseren AusbildungsabsolventInnen, in ihren Praktikumsberichten und teilweise auch auf deren Praxisstellen. Es gibt auch einige AbsolventInnen, die wegen schlechter Pferdehaltung/-einsatz die Praxisstelle wechseln. Hatten wir im letzten Jahrgang wieder dieses Thema. Leider ist das für die Praxisstellen meistens aber kein Grund, über ihre Pferdehaltung und -einsatz nachzudenken... :( In unserer Ausbildung ist das zumindest immer wieder ein sehr wichtiger Schwerpunkt: die Haltung, artgerechte Ausbildung und der Einsatz von Therapiepferden.

Auf dem Int. Kongress für Therap. Reiten vor zwei Jahren in Münster haben wir auch erschreckend viele Vorträge mit Dias von völlig fertigen Therapiepferden gesehen. Das wurde aber nie thematisiert! Das war das Erschreckendste daran!!! Mich hat es sehr erschrocken, dass es Therapiepferden noch soo flächendeckend schlecht geht!

Das Thema ist also aktueller denn je! :( Je mehr jetzt noch diese 'Wildwuchs'-Ausbildungen dazukommen, desto schwieriger wird es für die 'Therapiepferde'. ::)

Wichtig neben den anderen von Euch genannten Punkten ist uns hier auf dem Hof zB. auch die Gewichtsbelastung und der tägliche Arbeitseinsatz! Viele, viele Therapiepferde/-ponies müssen viel zu viel Gewicht tragen und zudem noch mehrere Stunden hintereinander am Tag mit zig KlientInnen arbeiten. Auch das verschleisst und macht die Pferde/Ponies 'mürbe'. Es gibt viele Therapiepferde, die sich inzwischen schon abwenden, wenn Menschen zu Ihnen kommen. Das ist für mich sehr erschreckend und darf wirklich nicht vorkommen! Es nützt auch dem Klientel nichts und verunsichert sie zudem.

Wir haben hier bei uns extra genügend Pferde - von jung bis alt und bis auf eine Rentnerin arbeiten alle max. zwei Stunden am Tag, im Winter noch viel weniger. Zudem gibt es bei uns eine rigorose Gewichtsbegrenzung für jedes Pferd, bzw. Pony. Wer schwerer ist, kann das betreffende Pferd/Pony nicht reiten und wer selbst für unseren kräftigsten Highlandponywallach zu schwer ist, kann Kutschefahren (lernen) oder Bodenarbeit mit dem Pferd machen, aber nicht reiten. Reihum bekommen die Pferde 'Auszeiten', wo sie nur mit uns zu tun haben und keine Therapie machen. Die Auszeit kann von drei Wo bis drei Monate variieren - je nach Bedarf. Ich weiß, dass das keine Haltung zum Geldverdienen ist, dafür werden unsere Pferde hier aber glücklich und gesund mit uns alt und sind auch im Alter noch neugierig auf die Menschen, die zu ihnen kommen - und ich kann mich noch im Spiegel ansehen, weil es unseren Pferden gut geht! ;)

Das dazu von mir. Nix für ungut!

Euch noch einen sonnigen Montagnachmittag, Anne von Hof FYLGJA
Highlandponies - the versatile breed !

Offline VeraTopic starter

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Re: Probleme beim therapeutischen Reiten fürs Pferd?
« Antwort #4 am: 14.03.11, 17:51 »
Hi,

vielen Dank für eure Antworten! Das hilft mir schonmal weiter.

@braunstern: ich schreibe bzw. brauche das für mein Studium in Sozialarbeit. Privat interessiere ich mich aber auch sehr für Tierschutzthemen, also passt das ganz gut zusammen.


Lg, Vera