Autor Thema: korrekte Dehnungshaltung  (Gelesen 5194 mal)

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Offline HelenchenTopic starter

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korrekte Dehnungshaltung
« am: 02.01.10, 14:43 »
Nachdem Ihr mir beim Galoppieren so schön weitergeholfen habt, brauche ich wieder einmal eure Hilfe.
Es geht um dieses schöne "an das Gebiß andehnen".
Situation: Pferdchen ist sehr sensibel im Maul, also eher ein 2-Finger Reittier bei konstantem äußeren Zügel.
Bei loserem Zügel mit minimaler Anlehnung läuft Er inzwischen in allen 3 Gangarten ausgesessen vorwärts-aberwärts, besonders im Galopp war dies
ein echter Erfolg.
Er läuft dann auch taktrein und schwingt lt.Reitlehrerin im Rücken.
Jetzt das Problem, wenn Er am Zügel stehend geritten wird und dann irgendwann in Dehnungshaltung soll, quasi in Anlehnung bei nur leichtem Nachgeben der Zügel
funktioniert das nur ganz kurz. Er neigt dann eher daszu den Kopf hochzunehmen, lasse ich die Zügel lang, fällt der Hals.
Er läuft inzwischen über längere Phasen recht gut am Zügel, braucht dann aber immer wieder Auszeiten zwischendurch.
Zum Einen ist es natürlich mein psychologisches Problem, ich neige dazu gerne die Zügel fallen zu lassen und die Hände nicht richtig zu zumachen (liegt an meiner langjährigen Nur-Geländezeit), zum Anderen ist es aber auch das Gefühl wieviel Kraftaufwand darf/muß noch sein für diese berühmte Dehnungshaltung.
Im Prinzip hört es sich immer so einfach an, gegenhalten und treiben aber es will so nicht wirklich funktionieren.
Ich weiß natürlich auch, daß es diesen schönen Begriff der Durchlässigkeit gibt, ich denke aber daß wir Beide hier Einiges dazu gelernt haben.

Offline Figonero

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Re: korrekte Dehnungshaltung
« Antwort #1 am: 02.01.10, 23:09 »
Helenchen, da ich auch grad an dem Themenkomplex rumwerkele, kann ich Dir vielleicht was dazu sagen. Es hoert sich fuer mich so an, als ob Du "Dehnungshaltung" mit "Hals runter" gleichsetzt. Die Halshaltung ist NICHT das Ausschlaggebende bei der Sache. O.K., klar, ein Hirsch ist nicht in Dehnungshaltung, soweit gut. Aber ein Pferd, das mit Langem Zuegel den Hals fallen laesst, auch nicht, jedenfalls nicht unbedingt.
Es geht eher darum, zu ueberpruefen, ob das Pferd "der Hand folgt", also wenn Du Nachgibst das Gebiss nach vorne (und tendenziell abwaerts) sucht. Wichtiger ist aber "vorne" als "abwaerts". Das koennen am Anfang nur wenige Zentimeter sein. Wenn Du Dein Pferd etwas zusammenstellst "Gegenhalten, Treiben" und gibst dann nach, sollte die Verbindung (Kontakt) erhalten bleiben, weil das Pferd sich streckt. Ist dies nicht der Fall, haelt es sich im Ruecken noch fest. Also wieder Aufnehmen, Biegen, Loesen, treiben, nochmal versuchen. Streckt er sich dann in die Hand, wird das Treiben als Belohnung eingestellt. Dann gehts wieder von vorne los. Was ich sagen will, besonders am Anfang kann es nicht darum gehen, das Pferd Rundenweise in "StaubsaugerPosition" Ganze Bahn gehen zu lassen, weil das ja fuer den Ruecken so gut sei. Dabei faellt es bloss auf die Vorhand. Es geht eher drum, zu ueberpruefen, ob es jederzeit willens ist, sich zu Strecken, und weniger darum, es in der Gestreckten Haltung herumzureiten. Die Dehnungshaltung ist nur ein Pruefstein, ob der Kontakt "reell" ist, oder das Pferd das Koepfchen hinhaelt, schoen anzusehen, aber nicht wirklich echt.
Denn nur wenn das Pferd sich jederzeit strecken kann und will, war es vorher von hinten nach vorn zusammengestellt und nicht zusammengezogen.
Du selbst hast die Losgelassenheit erwaehnt. Ist das Dehnen nicht moeglich, war er vorher auch nicht Losgelassen. Dann gilt es eben daran zu arbeiten, also an der Ursache "Losgelassenheit" und nicht am Symptom ¿Verweigern der Dehnunghaltung?.
Wenn Du Lust hast, lies Die den Thread von Sheni weiter Unten zum Thema durch, und guck Dir auch die Videos und Fotos an. Dann verstehst Du schon, was ich meine. Da stehen auch einige sehr, sehr gute Beitraege drin, ich glaube kaum, dass die Betrffenden Lust haben, das alles nochmal zu tippen!
Gruesse, Kerstin

Offline Figonero

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Re: korrekte Dehnungshaltung
« Antwort #2 am: 02.01.10, 23:11 »
Tschuldigung, der Thread von Sheni ist glaub ich in "Problempferd". Musst Du halt mal suchen.
Kerstin

Offline Hexle

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Re: korrekte Dehnungshaltung
« Antwort #3 am: 05.01.10, 10:59 »
Figonero wenn es hier Bewertungssterne für die Qualität von Antworten gäbe würde ich dir jetzt 10 von 10 Sternchen geben :)
Du wirst sicher nicht jedes Ziel erreichen, dass du dir gesetzt hast. Du wirst aber ganz sicher kein Ziel erreichen, dass du dir nicht gesetzt hast...

Offline Carlotta67

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Re: korrekte Dehnungshaltung
« Antwort #4 am: 05.01.10, 11:05 »

Dito. Ich hatte auch schon überlegt ob ich mir das ausdrucke  ;D. Langes Thema kurz in treffenden Worten erklärt. 

Offline tara

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Re: korrekte Dehnungshaltung
« Antwort #5 am: 05.01.10, 11:08 »
. Also wieder Aufnehmen, Biegen, Loesen, treiben, nochmal versuchen. Streckt er sich dann in die Hand, wird das Treiben als Belohnung eingestellt. Dann gehts wieder von vorne los. Was ich sagen will, besonders am Anfang kann es nicht darum gehen, das Pferd Rundenweise in "StaubsaugerPosition" Ganze Bahn gehen zu lassen, weil das ja fuer den Ruecken so gut sei. Dabei faellt es bloss auf die Vorhand.

kann mich Hexle nur anschließen. *lobverteil*

dieser Satz da oben beantwortet die Frage, die seit einigen Tegen in meinem Hirn kreiselt: wie viel/wie lange laß ich ihn *staubsaugern*?
stell dir vor, du hast ein Pferd und es kann nicht t ö l t e nin diesem Sinne...
Gruß tara

"Ausbildung heißt, das zu lernen, von dem du nicht einmal wußtest, dass du es nicht wußtest."
(Ralph Waldo Emerson, (1803 ‐ 1882)

Offline zaino

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Re: korrekte Dehnungshaltung
« Antwort #6 am: 05.01.10, 12:25 »
Ja aber...  ;D ich hab Dehnungshaltung AUCH als muskel- und rückenbildende Arbeitshaltung kennengelernt - natürlich dem Pferd und dessen anatomischen Bedürfnissen angepasst?
Was jetzt nicht komplett Figoneros Ausführungen widerspricht, natürlich... nur mal so zur Diskussion gestellt?

Offline Figonero

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Re: korrekte Dehnungshaltung
« Antwort #7 am: 05.01.10, 21:40 »
So, ich habe die ganze Zeit darueber nachgedacht, welcher Vergleich am Besten passt. Wer Lust hat, macht nun ein bisschen Gymnastik mit mir. Immer unter dem Vorbehalt, dass die Anatomie bei Mensch und Pferd natuerlich nicht 100 pro vergleichbar ist......
Los gehts. (die Jane Fonda der Reiterei baut sich vor dem Computer auf, Musik ertoent....)
Stellt euch einfach gerade hin, locker, Augen geradeaus.
a) wenn ihr nun den Kopf zuruecknehmt, so als ob jemand ploetzlich vor den Augen rumfuchtelt, dann haben wir das wahlweise aufgekroepfte Pferd (Iberer) oder den Hirsch (Araber). In beiden Faellen schaedlich und Unterhalsmuskelfoerdernd.

b) Aus der Ausgangsposition den Kopf senken, so als ob ihr einen Punkt ca 1 Meter vor den Fuessen angucken wolltet. Ist nix dolles dabei, weil durchaus im Rahmen der natuerlichen Bewegungsfreiheit der Muskeln/Baender. Daswaere das Freizi-Pferd, das mit langem Hals ins Gelaende gehen darf. Nicht zwingend per se schaedlich, aber bewirkt auch sonst nix. Sonst waeren ja alle Freizis super  aufgemuskelte Atlethen. Sind sie aber nicht.

c) Wenn man diese Haltung forciert und die Fusspitzen anguckt, oder sogar die Knoechel, dann geht das ueber den normalen Bewegungdspielraum hinaus, ergo erfolgt eine Ausgleichsbewegung. Der Poppes geht nach hinten. Und genau das passiert beim V/A reiten sehr haeufig. Die HH bleibt zurueck, die Beine schaufeln hinten raus, Gewicht voll auf der Vorhand. Mit Muskelaufbau ist auch hier wiederum essig. Soviel zum Thema V/A  in Staubsaugerpositur als Gebrauchshaltung.

d)Ausgangspositur, Augen geradeaus, Kinn angehoben. Wenn ihr den den Kopf nach vorne nehmt, so als haettet ihr was schlecht gehoert und wuerdet (Hae???) fragen, dann haben wir das Pferd, das sich bei geoffnetem Ganaschenwinkel nach dem Gebiss streckt. Analog waere das so aehnlich, wie bei einem Pferd, das halb aengstlich einen unheimlichen Gegenstand beriechen will, sich aber noch nicht ganz traut.

e) Aus dieser Position sollt ihr nun den Scheitel ueber das Kinn bringen (Genick ueber die Maulspalte beim Pferd.) Da gibt es zwei Moeglichkeiten. Entweder ihr nehmt das Kinn zurueck, dann haben wir das aufgerollte Pferd hinter der Senkrechten. Oder ihr hebt den Hinterkopf aus der gesamten WBS an und bringt den Scheitel so ueber das Kinn, das nach wie vor vorne bleibt. Das geht nur ganz wenig, dann faengt es in der Halsmuskulatur unangenehm zu ziehen an. Dann sind wir bei Fall d  mit Beizaeumung. Schon mal nicht schlecht, Laesst sich aber nicht lange so durchhalten.

f) Wenn nun der bloede Reiter immer wieder auf dieser tendenziell unbequemen Haltung besteht, sie immer wieder kurz einfordert, dann kommt der magische Moment, den ich jetzt mal "Rucksack schultern" nennen will. So als haettet ihr beide Arme gerade durch die Schlaufen eines nicht allzuschweren Rucksacks gesteckt und wuerdet ihn auf den Buckel hieven. Das Pferd entdeckt, dass es die Spannung mildern kann indem es den Widerrist hochbringt, die Spannung dadurch aus dem Hals weiter in den Ruecken verlagert, der sich dadurch aufwoelbt und zum Tragen mit herangezogen wird. Wir sind bei der Dehnungshaltung mit aufgewoelbtem Ruecken und aktiver HH. Das Ziel ist erreicht.

Wie bei allen Trainingsprozessen ist nicht die Dauer der Bewegung ausschlaggebend, sonder die Anzahl der Widerholungen. Sonst koenntet ihr ja ins Fitnesstudio gehen, eine Hantel stemmen, die ne halbe Stunde lang hochheben und wieder nach Hause gehen. Ergebnis waere aber kein muskulaerer Koerper, sondern bestimmt ein Muskelkrampf.

Ergo ist auch Haltung f) kein Dauerzustand, sondern ein aktiver Prozess, der immer wieder durch lang werden lassen unterbrochen werden muss. Mit zunehmendem Training haelt das Pferd natuerlich immer laenger durch und braucht nach der Pause immer weniger Vorbereitung, um wieder in die "aktive Dehnung" bei angehobenem Widerrist zu finden.

Super durchtrainierte und gut gerittene Pferde kommen in die Halle, gehen ein paar Runden lang im Schritt, traben tief eingestellt an, die HH wird beigeholt und fertig ist der Lack. das ist aber eher das Endergebnis eines sehr langen Lernprozesses. Normalerweise endet so was bei Punkt c?. Der Reiter bekommt die rote Karte, muss ueber Los gehen und darf keine 3000 Euro einziehen.

Kerstin

Offline Carlotta67

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Re: korrekte Dehnungshaltung
« Antwort #8 am: 05.01.10, 21:48 »
*muß grinsen bei der Vorstellung, daß 20 Foris jetzt vorm PC stehen und merkwürdige Verrenkungen machen*

Zitat
e) Aus dieser Position sollt ihr nun den Scheitel ueber das Kinn bringen (Genick ueber die Maulspalte beim Pferd.)

Außerdem hab ich hier -da ich ja etwas vom PC entfernt stehen mußte zum ausprobieren- gerade
"SCHENKEL über das Kinn bringen"  :o ??? :o gelesen.

Aber danke!

Offline tara

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Re: korrekte Dehnungshaltung
« Antwort #9 am: 06.01.10, 07:45 »
*muß grinsen bei der Vorstellung, daß 20 Foris jetzt vorm PC stehen und merkwürdige Verrenkungen machen*
 

hi hi, ich hab mich auch verrenkt...

Kerstin, danke, super beschrieben!
stell dir vor, du hast ein Pferd und es kann nicht t ö l t e nin diesem Sinne...
Gruß tara

"Ausbildung heißt, das zu lernen, von dem du nicht einmal wußtest, dass du es nicht wußtest."
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Offline Aleike

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Re: korrekte Dehnungshaltung
« Antwort #10 am: 08.01.10, 00:42 »
So schön beschrieben, dass ich's mir gleich mal ausdrucken musste.  :)
Man darf nicht sagen: "Was, du Mistvieh, du willst nicht?" Sondern: "Entschuldige, mein Tier, ich werde schon noch dahinterkommen, wie ich es lerne, dich peu à peu auf den rechten Weg zu führen." (Udo Bürger)

Offline Rowi

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Re: korrekte Dehnungshaltung
« Antwort #11 am: 11.01.10, 09:59 »
Kompliment,

dazu kann ich wirklich sagen, treffender geht es nicht. Werd es ausdrucken und an den Hallenanschlag heften, so prima ist diese Erklärung.

Vielen Dank nochmal

Rowi