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Freireiten bei geistiger Behinderung

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diest:
Ich arbeite momentan mit einem 15j. Jungen mit Down Syndrom, der langjährige Erfahrung im heilpäd. Voltigieren hat. Er wird rundherum super gefördert und ist ziemlich gut entwickelt, hat auch einen total gut ausbalancierten Sitz im Schritt und Trab.

Heute haben wir am Pony begonnen, die Zügelführung zu üben. Grad das verlängern/verkürzen hat ihm einiges Kopfzerbrechen bereitet, ich hab mir dann ein "Spiel" einfallen lassen damit das "Zügel rausziehen" verständlicher wird, es hat gegen Ende schon halbwegs geklappt *freu*

ich hab dann einfach so vor mich hin überlegt, was eigentlich die "Voraussetzungen" sind um mit Klienten richtung "selbständig reiten" zu arbeiten, körperliche Behinderungen jetzt mal nicht berücksichtigt? Das Führzügelreiten bietet doch einiges an Entwicklungschancen, ebenso wie Führübungen vom Boden aus. ABer "ab wann" kann man jemandem tatsächlich zutrauen, "ungesichert" allein im Schritt am Viereck zu reiten? Wie seht ihr as? Es gehört ja eine Menge an Reaktions- und Urteilsvermögen dazu, Reaktionsschnelligkeit, ein sicherer Sitz, kontrolliertes Verhalten gegenüber dem Pferd ... :)

Carlotta67:

Warum willst du ihn unbedingt ohne Führzügel reiten lassen?

Ich hatte einen ebensolchen 11-14jährigen 3 Jahre lang - und habe ihn wohl mal frei reiten lassen, indem ich eine Runde ohne das Pferd zu halten in sicherem Abstand nebenher ging (1-2 m Abstand).Das war aber schon das größte Zugeständnis, alles andere war mir definitiv zu gefährlich -vor allem für meine Ponies, da der junge Mann zeitweilig unberechenbar war.  :-X
Normalerweise war Longe oder Strick dran und eine Hilfsperson ebenfalls neben dem Pferd.

Soll er denn bei dir "richtige Reitstunden" bekommen, oder was sollst du mit ihm machen?

Übrigens hatte ich damals auch arge versicherungstechnische Bedenken. Natürlich waren die Pferde und ich ordentlich gewerblich für den Schulbetrieb versichert, aber ....sorry, wenn speziell mit diesem Jungen etwas passiert wäre, hätte die Versicherung mir u.U. immer Leichtsinn, ungenügende Vorsichtsmaßnahmen etc. vorwerfen können. Also haben wir auf den aufgepaßt wie auf ein rohes Ei.

diest:
Hallo,

nein, bitte nix falsch verstehen. Ich bin Reittherapeutin, der Junge kommt zu mir zur Therapie, und "muss" gar nichts. Permanentes Dabeisein und größte Sicherheit ist natürlich das A und O.

Es soll lediglich ein Denkanstoß sein - weil mir wieder mal bewusst wurde, wie komplex (eh klar) die Reiterei eigentlich ist, und im Sinne der Integration/Gleichbehandlung - wie fördernd es fürs Selbstvertrauen beeinträchtigter Kinder sein kann "ein Pferd selbst zu lenken", und wie und wo das seinen Platz in der Therapie hat.

Ich denk hier an ganz einfache, begleitete Übungen am Viereck, trotzdem eine für mich interessante Überlegung. Es gibt ja auch Menschen mit nur sehr leichter geistiger Beeinträchtigung.

Carlotta67:

  ;) Ja, ist schon klar. Mir war es halt bei den "speziellen Fällen" zu gefährlich, zu weit weg zu sein um nicht schnell zufassen zu können. Ich hab dann immer gesagt, dass es rein GAR nichts mit ihnen selbst zu tun hat, aber dass die "kleine Sicherheitsleine" am Pferd bleiben muss (oder ich direkt daneben), FALLS es sich doch mal erschreckt und das könne bei einem Pferd immer mal passieren. Wir haben sie auch Slalom um Hütchen, über Stangen und einfache Hufschlagfiguren reiten lassen. Für meine Nerven war es aber einfach besser, wenn noch jemand prophylaktisch "dranhing"  ;) und die Kids fanden es nicht schlimm, dass noch jemand das "große starke Pony" aus Entfernung hielt.

Mein oben erwähnter Spezi  konnte leider blitzartig sehr (!) grob werden, also war es mir lieber ich konnte sozusagen auch das Pony vor IHM schützen, nicht bloß umgekehrt.  :-X

FYLGJA:
Hallo Diest,

hört sich doch gut an, was Du da vorhast mit Selbständigreiten lernen für den Jungen. Wir hatten jahrelang einen Jungen, inzwischen jungen Mann mit DownSyndrom, der ähnlich fit war, wie der von Dir beschriebene Junge. Selbstverständlich war irgendwann das Selbständige Reiten das Thema und es war sein größter Wunsch, es zu lernen.

Dabei kommt es natürlich auf das Pferd an und selbstverständlich durfte der Reitschüler aufgrund seiner mitunter stimmungsmäßig etwas unkoordinierten Zügelführung nicht mit Gebiß reiten. Das war für ihn aber völlig o.k. und die enorme Stärkung seines Selbstbewußtseins durch den 'richtigen' Reitunterricht ohne Sicherung war für uns eine Bestätigung, dass es der richtige Weg für ihn war. Er fühlte sich ernstgenommen und konnte etwas lernen, was die anderen 'Nichtbehinderten' genauso lernten. Zweimal trat er auch auf bei unserem jährlichen Tag der Offenen Tür, was für ihn glaube ich das Tollste in den ganzen Jahren war. Leider hat er nun den Wohnort und die WfB gewechselt, weshalb er nun nicht mehr kommen kann. Er war insgesamt acht Jahre hier und es war eine wunderschöne Zeit miteinander.

Also, nur Mut, probiert es ruhig miteinander aus. Du mußt nur damit rechnen, dass das Erlernen der Zügeltechnik wahrscheinlich wesentlich länger dauert und in wesentlich kleineren Lernschritten laufen muß als normalerweise und Du brauchst ein sensibles, aber autarkes Pferd/Pony, das sich nicht so schnell von seinen 'Launen' verunsichern oder bedrohen läßt und am besten gut ohne Zügel (stattdessen mit Stimme und Sitz) im Signalreiten zu reiten ist... ;) :D

Wir hatten inzwischen schon des öfteren geistig behinderte Jugendliche, die 'richtig' reiten gelernt haben und es hat bei allen mehr oder weniger geklappt und unsere Pferde haben darunter bis heute nicht gelitten (was uns sehr wichtig ist !!!).

Berichte doch demnächst mal, wie es mit ihm und seinem Pony weitergeht...  ;)

Herzliche Grüße, Anne von Hof FYLGJA

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