Autor Thema: Wie viele "Sprachen" spricht ein Pferd?  (Gelesen 2351 mal)

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Offline OberlauserTopic starter

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Wie viele "Sprachen" spricht ein Pferd?
« am: 26.12.05, 16:37 »
Hallo Miteinander,
ich, Freizeitreiter mit eher Hang zur leichten Anlehnung und selber nicht auf S-Niveau,  hatte neulich mal Gelegenheit ein Sportpferd zu reiten und das Angebot, dieses Pferd öfter zu reiten. Die Besitzerin stand dabei als Dolmetscher in der Mitte.

Beherzigte ich ihre Ratschläge, mit Bein und Kreuz Treiben und Gegenhalten, kippte das Pferd sofort vorn ab und man hatte nix mehr in der Hand. Ließ ich in der Hand aber nur ein wenig nach und setzte Körper und Bein weniger ein, riss das Tier  ebenfalls sofort den Kopf hoch und schwankte wie ein Ast im Winde. Laufen kein Problem, wenngleich ich das Gefühl des Weglaufens und nicht eines sich Tragens hatte.

Nun bin ich nicht der Überreiter, zudem bei fremden Pferden sehr vorsichtig. Kann also gut sein, dass ich in dieser einen Stunde weder selber locker genug war, noch genug ausprobiert habe. Eine "Grundsatzfrage" beschäftigt mich allerdings seither und ich erbitte Euren Rat.

Wie viele von Reitern vermittelte Sprachnuancen kann ein Pferd überhaupt verstehen bzw. unterscheiden und befolgen, ohne in Verwirrung zu geraten? Ich locke zum Beispiel die eigenen vertrauten Tiere mit ein wenig Stellung und vielen Übergängen zur Dehnung, Nachgeben und kaum noch Gewicht auf dem Zügel ist immer die Belohnung. Wenn alles klappt, gibt es weder Bein noch Zügel, sondern nur ein Mitgehen. Nicht ewiges Trabfigurenrennen, sondern viele verschiedene Übungen waren bisher mein Rezept für eine bessere Feinabstimmung. 

Wenn ich jetzt dieses fremde Pferd einmal wöchentlich reiten darf - und genauso herangehe - wäre das für das Pferd aber eine ganz andere Welt, es wären andere Regeln, andere Anlässe für Lob und andere Formen der Belohnung.  In unserem Stall erlebe ich seit Jahren, dass Pferde, die unter ihren eigenen Reitern zu Widersetzlichkeiten bis zum Steigen oder zum Pullen neigen, mit Reitbeteiligungen völlig easy unterwegs sind. Als wären es andere Pferde - allerdindings auch in anderen Situationen (die Reitbeteiligungen zumeist im Gelände und ohne Anspruch einer  "Ausbildung").

Dass ein Pferd diese Unterschiede schnell "schnallt", ist mir schon klar, aber kann man ihm auch zumuten, in der Bahn wechselweise leichtem Fingerschließen oder eben anderntags wieder der vom Reiter vorgegebener Ganzkörper-Einrahmung und nur mal nachgebendem Druck auf die Innenlade zu folgen?

Würde mich über Eure Hinweise sehr freuen. Ach ja, und ich glaube ich bisher nicht, dass  mehrere Versionen des Reitens und der verschiedenen Deutungenen der Ausbildungsskala für ein Pferd verständlich sein können.

Gruß Oberlauser             
     
 


       

Offline Figonero

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Re: Wie viele "Sprachen" spricht ein Pferd?
« Antwort #1 am: 26.12.05, 17:15 »
Hallo Oberlauser,
grundsaetzlich koennen Pferde schon mal zwischen ihrem Menschen und einem anderen unterscheiden.
Nehmen sich beim einen Frechheiten raus, die beim anderen gar nicht auftreten oder "Macken" nach dem Motto "der geht nie im Leben an gruenen Muelltonnen vorbei" treten beim Zweitreiter erst gar nicht auf, weil der ganz Vorurteilslos an die Tonne ranreitet.
Als RB sollte man sich schon mit dem Besitzer abstimmen, um es nicht fuer Dinge zu bestrafen, die es sonst immer darf (schubbeln am Menschen zum Beispiel). Kleinere Abweichungen im Handling sind nicht so schlimm, man muss das auc nicht skalvisch genau machen, aber so im Groben sollte es bei BS und RB in die gleiche Richtung gehe.

Was Du in Deinem Post beschreibst, sind aber keine "Sprach-und Verstaendigungsprobleme" sonder Reittechnische Unterschiede. Dein Pferd ist vermutlich ganz anders gebaut als dieses "Sportpferd", anders ausgebildet, anders abgestimmt. Da wirst Du als RB keine groesseren Veraenderungen herbeifuehren koennen (und vielleicht auch nicht duerfen). Wenn die Besitzerin zufrieden ist, so wie er geht, moechte sie eventuell nicht, dass Du grundsaetzlich "anders" reitest. Wenn sie ihn star einrahmt mit Bein und Hand, kannst Du nicht "in leichter Anlehnung" "mit atmendem Schenkel reiten". Entweder DU psasst Dich an und reitest dieses Pferd so, wie es das gewohnt ist und vielleicht auch braucht, oder das Pferd passt nicht zu Dir und Deinem Reitstil und Du musst Dir ein Anderes suchen.
Kerstin

Offline wups

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Re: Wie viele "Sprachen" spricht ein Pferd?
« Antwort #2 am: 26.12.05, 23:14 »
Würde mich über Eure Hinweise sehr freuen. Ach ja, und ich glaube ich bisher nicht, dass  mehrere Versionen des Reitens und der verschiedenen Deutungenen der Ausbildungsskala für ein Pferd verständlich sein können.
       

Oh, ich glaube cshon, dass verschiedene Sprachen für ein Pferd verständlich sind, nur ob es Sinn macht diese alle anzuwenden, ist wieder eine andere Frage!

Vieles ist eine reine Konditioniererung, oder anders formuliert: Wenn mein Pferd auf den Zirkel abwenden soll, indem ich ein dezentes "ugahugah" schreie, na und? Gehen würde das auch, nur hätte es wenig mit den eigentlichen klassischen Asbildungsgrundsätzen gemein, die ja dazu dienen, das Pferd zu gymnastizieren. Also, mehrere Sprachen verstehen Pferde ohne Frage. Ein Beispiel sind dafür auch behinderte reiter, die durch ihr handicap einiges ausgleichen mit ihren Pferdne ja aber nun nachweislich oftmals zu einer Übereinstimmung eglangen, wovon wir Normalos nur träumen können.
Fakt ist aber auch: Wenn Du ein besonders feines Pferd willst, sollten nicht zehn verschiedenen Leute drauaf reiten, die alle eine andere Sprache sprechen. Das Pferd mag sie alle verstehen, aber darauf einstellen muss es sich immer. Und je mehr Sprachen es sind, desto schwieriger.

Zu Deiner Reitbeteiligung: Wir diskutieren jetzt mal nicht, welche Reitweise gut oder chelcht ist, die der Pferdebesitzerin oder deine, lassen wir das außen vor. Die Frage ist nur *überspitzt formulier* Muß ich einem Slum-Bewohner täglich Bilder von Kaviar vor Augen halten, um am nächsten Tag doch nur trockenes Brot zu kauen?

Welchen Sinn macht es, Dein RB-Pferd auf feinere Abstimmungen vorzubereiten, wenn die Besitzerin das nicht reitet, bzw. auch nicht will oder für richtig hält? 
Kurzum: Bei einem RB-Pferd würde ich immer dafür plädieren, dass sich mehr oder minder auf eine Sprache geeinigt word, sonst würde ich die Finger davon lassen, weil man dem Pferd einfach keinen Gefallen tut.
Lieben Gruß Wups
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Klein? Wer ist hier klein? Es zählt doch nur die innere Größe ;-)

Offline OberlauserTopic starter

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Re: Wie viele "Sprachen" spricht ein Pferd?
« Antwort #3 am: 28.12.05, 18:12 »
Danke erst einmal für Eure Antworten. Hab noch einmal drüber nachgedacht und auch in mich gehorcht. Ich denke, es würde mir auf Dauer keine Freude machen, das Pferd zu reiten und für das Pferd wäre es auch nicht der Brüller. Es kommt bestimmt mal eine andere Gelegenheit.

Offline 1snowflake

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Re: Wie viele "Sprachen" spricht ein Pferd?
« Antwort #4 am: 03.01.06, 12:39 »
Hi,

kleiner Boxenmissbrauch: wie kommt es eigentlich, dass die sogenannten Sportpferde so völlig anders zu reiten sind als die "Normalo-Pferde"??? Man sollte eigentlich meinen, dass je besser das Pferd ausgebildet desto weniger Hilfengebung sollte eigentlich erforderlich sein??? Ich habe jedenfalls noch diverse andere Forumsteilnehmer im Ohr die ähnliche Erfahrungen mit den sogenannten "Dressurkrachern" oder anderen Sportpferden gemacht haben! Es muss doch auch Gegenbeispiele geben von Top-Pferden, die superleicht zum Reiten sind???

Gruss,

Chris

Offline Steffi

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Re: Wie viele "Sprachen" spricht ein Pferd?
« Antwort #5 am: 03.01.06, 13:34 »
jedes pferd wird anders ausgebildet und reagiert anders auf hilfen ... schon klar ... und mit sicher heit sind "spitzenkracher" feiner auf hilfen eingestellt ... da reichts eben nicht nur den schenkel zu verlegen, damit das pferd angaloppiert - da gehört viel mehr mit kreuz, sitz und schenkel zusammengearbeitet ...

und von einem anfänger wird auch ein noch so gutes pferd nicht "einfach" zu reiten sein - das kann nicht gehen ... weil da so viele verschiedene (unbewusste) hilfen kommen, dass sich das pferd nicht auskennen wird.
lieg ich damit völlig falsch?

hatte letztens die möglichkeit, auf so einem super pferd zu reiten - springen klappte, aber das angaloppieren zuerst absolut nicht ... obwohl ich alles gleich gemacht hab wie bei meiner stute ... warum wohl?

und deshalb finde ich es auch immer lächerlich, wenn sich "reitanfänger" einen kracher kaufen und dann erwarten, dass man in einem jahr perfekte turniere gehen kann ... zuerst mal auf "unsensibleren" pferden reiten lernen, und dann mit dem pferd weiterarbeiten ... ich denke, so funktionierts am besten (vielleicht nicht am schnellsten, aber dann kann man wenigstens behaupten, man könne reiten) ...

Offline ringo

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Re: Wie viele "Sprachen" spricht ein Pferd?
« Antwort #6 am: 03.01.06, 16:47 »
Hallo,

Hm, ich selbst bedaure es allerdings sehr, dass ich auf unsensiblen Schulpferden "reiten" gelernt" habe.... ich denke nämlich, wenn man von Anfang an auf feinen Pferden geritten hätte, wär der Groschen auch schneller gefallen :P.

Aber Oberlauser's Erfahrung habe ich vor kurzem auch gemacht. Sass auf einem L/M ausgebildeten Pferd das auf mein leises Anfragen reagierte, als ob es Stacheldraht im Maul hätte  :o. Daraufhin habe ich, eingedenk des Reitstils des Besitzers, einmal alles deutlich "gesagt" - zack, und ich hatte ein Pferd, das auf leise Hilfen reagierte. War aber sehr angenehm, ich glaube auch, das der Besitzer diese Feinheit von Anfang an hat. Selber brauche ich auch immer mehr als einmal, bis ich mich auf einem Pefrd zuhause fühle, vielleicht ist es doch der Mühe wert, einige Tage abzuwarten.

LG,
Sabine