Autor Thema: Selbstmord & Suizid in der Landwirtschaft  (Gelesen 33032 mal)

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Raute

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Re: Selbstmord & Suizid in der Landwirtschaft
« Antwort #75 am: 23.07.11, 17:10 »
Gerade bin ich auf dieses Thema gestossen. Es beschäftigt mich . als Selbstmordgefährdeten Mensch sehr.
Vielleicht kann ich Euch ein wenig Einblick geben, in die Gedanken eines Menschen, der sich immer mal wieder das Leben nehmen will und ganz viel Kraft braucht, es nicht zutun.

Meine Kindheit war kein Spaß, näher will ich darauf nicht eingehen. Vertrauen habe ich nie gelernt, auch nicht, das ich geliebt werde, Folge war, das ich mich selber hasse, nichts als hasse.

Als ich meinen Mann kennen lernte, hatte ich das Gefühl, in meinem Leben angekommen zu sein. Endlich einen Menschen gefunden zu haben, und da war ich schon 34 , der mich versteht, wo ich ganz langsam anfangen konnte zu lernen, wie es ist sich auf jemanden ein zulassen, ihn zu vertrauen, ohne das mir weh getan wird.
Jahrelang ging das auch gut und ich vertraute immer mehr.

Inzwischen kamen unsere beiden Kinder auf die Welt, ( Kinder wollte ich nie, da ich immer Angst hatte, das ich sie nicht lieben kann), war hatten, trotz dem Massiven Wiederstand meiner Schwiegereltern, eine kleine heile Familie und Kriesen haben uns immer näher zusammen geschweisst.

Wir haben einen neuen Stall gebaut und waren glücklich.

Meine SE haben nie aufgehört, an mir zu meckern, ich habe teilweise 15 Stunden trotz kleinen Kindern gearbeitet, sie haben mich immer fertig gemacht, gewartet, bis mein Mann auf dem Feld war und dann sind sie zu zweit auf mich los gegangen, haben sogar meinen Mann für die 2 Kinder geschimpft.
Das ging alles soweit, das ich mich nicht mehr aus dem Haus traute.
Meine Kinder wurden älter und haben die Spannungen mit bekommen. Ich habe nie bei ihnen über meine schwiegereltern geschimpft, ihnen nie verboten sie zu sehen.

Na ja Ende vom Lied, hoch verschuldeter Hof ( in den ich meine finazen gesteckt habe), Ehe kaputt, Freunde weg und ich habe schwere Depressionen.

Mein Gedanke mir das Leben zu nehmen kommt immer wieder und ich empfinde es nicht als feige, oder verantwortungslos ( meine Kinder sind 14 und 12) sondern langsam als Erlösung. Als Erlösung von einer Krankheit, die mir die Lust, Luft und Kraft am Leben genommen hat, die chronisch und unbesiegbar ist und jederzeit wieder kommen kann. Die mich selber hilflos macht wie ein klein Kind, wo ich plötzlich nicht mehr alleine sein kann, vor Angst am ganzen Körper zittere krampfe, nicht essen, nicht trinken, nicht reden, nicht schlafen,nicht melken, nicht kochen. den Haushalt nicht mehr machen, nicht denken kann und keine Ruhe finde, ausser ich hau mich voller Schlaftabletten.
Eine Krankheit, die mir die Gedanken raubt, ich kaum mehr selbstständig denken kann, das ist das aller schlimmst, das man dann so angewiesen ist auf seinen Partner und wenn die Ehe eh schon krieselt, ist es um so schlimmer und würdelos, wenn man weiß, der andere liebt einen nicht mehr und würde eigentlich gern haben, das man geht.

Wie lange dieser Zustand dann anhält, niemand kann mir wirklich helfen, niemand kommt wirklich an mich ran, mein Gehirn hat abgeschaltet, meine Gefühle sind runter gefahren,.- ich vegetiere und weiß selber nicht, was zu tun ist.
Fühle mich als Last( das bin ich dann auch, ich weiß), sehe meine Kinder leiden, wie sie beim ersten Klinikaufenthalt in der Schule gehänselt wurden, wie mich die Leute anschauen: da kommt sie, die war schon ein paarmal in der Klinik....

Es ist ein fragwürdiges Leben das ich führe und ehrlich gesagt, ich kann durch meinen Unfall, an dem ich schon einmal tot war ganz gelassen über den Tot sprechen. Er macht mir keine Angst.

Depressionen kannn man nicht erklären, nur der sie hat, kann es annähernd verstehen. Ich wünsche sie in der Art niemanden.

Meine Familie weiß, wie ich über den Freitot denke. Am Anfang war es schwer es zu aktzeptieren, aber mittlerweile über die Jahre fangen sie an, mich zu verstehen.
Es ist für mich die letzte Hoffnung durch den ewigen Schlaf erlöst zu sein.

Ich hoffe, ihr könnt mein Durcheinander für Euch ordnen und es bringt Euch ein wenig Verständnis.

Alles Liebe,
Raute

Offline samira

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Re: Selbstmord & Suizid in der Landwirtschaft
« Antwort #76 am: 23.07.11, 17:27 »
Wenn ich das lese wird mir ganz übel und es läuft mir kalt den Rücken runter.
Liebe Grüße Samira

Raute

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Re: Selbstmord & Suizid in der Landwirtschaft
« Antwort #77 am: 23.07.11, 17:32 »
Ich wollte erklären, nicht unbedingt schocken. Aber Depressionen sind eben immer noch ein Tabuthema und das nervt mich. Es ist nur ein kleiner Einblick in ein Leben mit immer wieder kommenden Depression, bei deren Episoden niemand weiß, wie lange sie dauern.

Offline Entlein

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Re: Selbstmord & Suizid in der Landwirtschaft
« Antwort #78 am: 23.07.11, 17:37 »
Aber Raute, es gibt doch inzwischen sehr gute Medikamente. Die helfen auch über diese schreckliche Zeit hinweg. Dass es nicht erstrebenswert ist, "tablettenabhängig" durchs Leben zu gehen, weiß ich. Aber ich finde, Deine Kinder sind viel zu jung, um sie allein zu lassen. Jedenfalls auf diese Weise.
Ich hoffe, Du kommst über diesen Tiefpunkt hinweg, geh zum Arzt und lass Dir etwas verschreiben. Oder besser: fahr jetzt in die Klinik, über's Wochenende oder auch die nächste Woche. Nimm Tabletten und halt bitte durch!
Übrigens: ich weiß, wovon ich schreibe. Du bist nicht allein.

Offline samira

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Re: Selbstmord & Suizid in der Landwirtschaft
« Antwort #79 am: 23.07.11, 17:41 »
Ich wollte erklären, nicht unbedingt schocken. Aber Depressionen sind eben immer noch ein Tabuthema und das nervt mich. Es ist nur ein kleiner Einblick in ein Leben mit immer wieder kommenden Depression, bei deren Episoden niemand weiß, wie lange sie dauern.
Hallo Raute!

Ist mir schon klar dass du erklären wolltest. Ich bin indirekt auch betroffen da meine Tochter auch depressiv ist. Obwohl es ihr momentan ziemlich gut geht bewegt mich dieses Thema immer sehr.
Liebe Grüße Samira

Offline apis

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Re: Selbstmord & Suizid in der Landwirtschaft
« Antwort #80 am: 23.07.11, 18:25 »
Hallo Raute,

bist du im Moment in Behandlung? Wenn nicht, gibt es sicher auch für dich einen Neurologen als Notarzt der heute und morgen Dienst hat. Ruf dort an und frag ob du evtl kommen kannst.

Dein Schreiben liest sich so als ob dir die richtige Medikation fehlt. Es gibt sehr gute Wirkstoffe gegen die Depri und auch Psychosen, besonders gut sind schon lange eingesetzte, erprobte Medikamente mit relativ geringen Nebenwirkungen die alle paar Tage als Depot gespritzt werden. Frag mal deinen Neurologen. Wenn du dich nicht täglich um Tabletten kümmern mußt ist es dir vielleicht etwas leichter.  

Liebe Raute, sucht das Gespräch mit dem Therapeuten. Es wird zumindest etwas Verständnis füreinander schaffen und vielleicht werdet ihr neu zueinander finden.
      
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen das das Zusammenleben mit depressiven Menschen sehr schwer ist. Man leidet ganz stark mit und fühlt sich so hilflos. Einfach, weil einem das richtige Wort und die richtige Berührung im richtigen Moment fehlt. Oder aber der Patient legt alles auf die Goldwaage und wägt jeden Satz auf jede mögliche negative Deutung ab.
Sehr liebgemeintes sieht der Kranke dann als Angriff. Man möchte so gern die Last der Krankheit tragen helfen und traut sich bald nicht mehr. Gerade weil man liebt. Und nicht weiß wie man mit seinen Gefühlen umgehen soll.
 
Menschen, die mit psychisch Kranken zusammenleben, müssen unbedingt über die Erkrankungen vom Arzt aufgeklärt werden, damit zumindest ein bisschen Verständnis wachsen kann. Ist dein Mann bei den Arztgesprächen dabei gewesen?
Wie geht es deinem Mann, liest er hier manchmal mit? Wenn er den Weg zu einer Therapie vorschlägt wird er wohl doch kein so harter Knochen und nur auf deine Arbeitsleistung aus sein.

Ich denke sehr an dich und wünsche dir einen schönen Spaziergang mit ein paar warmen Sonnenstrahlen.

Alles Liebe   apis
« Letzte Änderung: 23.07.11, 18:38 von apis »

Raute

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Re: Selbstmord & Suizid in der Landwirtschaft
« Antwort #81 am: 23.07.11, 19:09 »
Ihr Lieben,

danke für eure Beiträge.

Ich hatte vergessen zu sagen, das ich seid 10 Jahren in therapeutischer Behandlung bin und schon 5 mal in Kliniken war. Natürlich nehme ich Medikamente.

Was ich damit sagen wollte ist, das man trotz all diesen Therapien immer noch nicht gesund ist. Das man mit dieser Krankheit alleine ist und sich damit abfinden muss, das sie ein tabuthema ist.

Ich will auch nicht in eine Klinik, mein letzter Aufenthalt ist 2 Monate her.
Ich wollte nur mal versuchen Verständnis und ein wenig Licht in das Thema zu bringen

Da ich selbst Arzthelferin bin und 5 jahre in einer psychiatrischen Praxis gearbeitet habe, kenne ich mit Medikamenten sehr gut aus.
Doch wer glaubt, das Tabletten alles sind, der irrt gewaltig.

Das es nicht einfach ist, mit einem schwerst depressiven Menschen zusammen zu leben ist klar, ich weiss es am Besten. Aber was ist den die Alternative? Jeden der diese Krankheit, die man sich ja nicht aussucht in eine Anstalt stecken und weg sperren? Oder sollten sie besser Singel bleiben?

Ich habe auf all diese Fragen nicht die richtigen Antworten, ich wollte nur mal aus der Sicht eines Betroffenen berichten, ohne damit eine Mitleidswelle aus zu lösen.

Ich für mich finde, das ich zeitweise einen ganz guten Weg gefunden habe damit umzu gehen. Es klappt nicht immer, und es gibt Tage, da reisst es mich wieder runter und manchmal werden aus Tagen Wochen, aber immerhin habe ich es bis 45 geschafft, obwohl ich mit Depressionen aufgewachsen bin, das ist doch auch eine Leistung!
« Letzte Änderung: 23.07.11, 19:15 von Raute »

Offline apis

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Re: Selbstmord & Suizid in der Landwirtschaft
« Antwort #82 am: 23.07.11, 19:27 »
In unserem Dorf waren seelische Erkrankungen so lange tabu bis ein junger Familienvater daran erkrankte.
 
Die jungen Leute gingen damit ganz bewußt in die Öffentlichkeit. In den Vereinen des Mannes informierte seine Frau den Vorstand über "Risiken und Nebenwirkungen", man tratschte im Dorf eine zeitlang drüber und gut wars.
Nach einer Zeit der Beobachtung geht man wieder recht normal miteinander um.

Unglaublich das man in unserem Dorf so reagiert!  Ich hatte viele falsch eingeschätzt................

Offline Mucki

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Re: Selbstmord & Suizid in der Landwirtschaft
« Antwort #83 am: 23.07.11, 19:33 »
Hallo
bei uns in der Ortschaft sind es mitlerweile 3 Leute die ich weis das in eienr Klinik waren,anfangs wurde geredet und gerätslt warum ,aber dann verloren alles das intresse.

Ich selbt war in keienr klinik nur auf Kur und nehm auch medikamente ein die mir helfen,das erste mal kam es vor 17 jahren damals kam ch auf kr was mir sehr viel brachte,und letztes jahr als ich so krank war hatte ich eiene neuen nervenzusammen bruch nun neh mich wieder meien tabletten die ich aber über die wintermonate wos ruhiger ist abbauen will,mal shen obs schon geht.

Was bei mir hilfreich ist meien familie,die hintermir steht,und auch ab und an unter meiner laune leidet,aber sie wissen das es mir da dann nicht gut geht.

Selbstmord gedanken in dem hatte ich nicht nur den wunsch für immer zu schlafen,und ruhe zu haben vor den schmerzen.

LG Mucki

Offline fanni

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Re: Selbstmord & Suizid in der Landwirtschaft
« Antwort #84 am: 23.07.11, 19:34 »
In unserem Dorf waren seelische Erkrankungen so lange tabu bis ein junger Familienvater daran erkrankte.
 
Die jungen Leute gingen damit ganz bewußt in die Öffentlichkeit. In den Vereinen des Mannes informierte seine Frau den Vorstand über "Risiken und Nebenwirkungen", man tratschte im Dorf eine zeitlang drüber und gut wars.
Nach einer Zeit der Beobachtung geht man wieder recht normal miteinander um.

Unglaublich das man in unserem Dorf so reagiert!  Ich hatte viele falsch eingeschätzt................

also doch eher positiv oder??
Herzliche Grüße von Fanni

Offline apis

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Re: Selbstmord & Suizid in der Landwirtschaft
« Antwort #85 am: 23.07.11, 21:08 »
Klar ist das Verhalten der Leute super positiv. Aber schämenswert, dass ich viele so negativ eingeschätzt hatte.

Ich glaube Offenheit bei Krankheiten ist im Umgang mit anderen Menschen sehr hilfreich. Erleb ich auch bei Krebserkrankungen oder anderen schlimmen Sachen.
Sowie drüber gesprochen wurde ist etwas nicht mehr so interessant und viele nehmen herzlichen Anteil.

Offline martina-s

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Re: Selbstmord & Suizid in der Landwirtschaft
« Antwort #86 am: 23.07.11, 22:19 »
Hallo,
ich denke mal, dass es doch viele Leute gibt, die grade so grenzwertig sind und an Psychosen, Depressionen usw. vorbei schrammen, bzw. selber Gradwanderungen machen oder hinter sich haben.
Von daher denke ich, dass man sich schon in solche Menschen einfühlen kann und ist froh, selber nicht so weit "drunten" zu sein.
Über Menschen zu witzeln, die gerade einen Abrutsch mitmachen finde ich ohnehin nicht nur daneben sondern auch gefährlich. Das kann einem selber auch passieren. Da ist man nicht gefeit.

Und bei psychischen Erkrankungen fällt es mir wahnsinnig schwer zu urteilen. Viele sind sich vielleicht gar nicht bewusst, selber davon betroffen zu sein. Da gibt es vermutlich eine wahnsinnige Dunkelziffer.
Liebe Grüße
Martina

Raute

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Re: Selbstmord & Suizid in der Landwirtschaft
« Antwort #87 am: 24.07.11, 07:18 »
Da kann ich Martina nur recht geben. Man sieht ja hier im Forum, was so ein Beitrag eines Betroffenen für eine Welle macht. UN dich denke , das noch ganz viele Betroffene vor ihrem PC sitzen und sich überlegen, ob sie nicht auch einen Beitrag dazu schreiben sollen, sich aber aus Scham, weil sie vielleicht in anderen Rubriken, den / die starke gemimnt haben, nicht trauen.

Psychosen und Depression sind eine Gradwanderung und ineinander übergänig. Man kann sie sehr gut medikamentös behandeln und einstellen. Es sind Krankheiten, die man sich nicht aussucht, sondern die kommen und wenn man Glück hat auch wieder gehen.

Verurteilen sollte man eh nie jemanden, ob der nun Depressionen oder sonst was hat, ob er schwarz oder weiß, groß oder klein, dick oder dünn ist. Niemand gibt uns das Recht dazu einen anderen der Art zu misshandeln. Und es bedarf sicher einer langen Lebenserfahrung, bis man soweit kommt und dies ablegt, wenn man es nicht von zu hause gelernt hat , damit um zugehen. Kindern so was bei zu bringen fordert Zeit und Geduld, das ist in unserer Gesellschaft Mangelware.