Unbekannt, doch bald im Land: Gen-Soja 2.0

Während nach wie vor etwa 70 Prozent der hiesigen Bevölkerung die Grüne Gentechnik ablehnen – sei es aus Angst vor mannshohen Maiskolben, die Greenpeace durch die Republik schickt oder aus einem mulmigen, nicht durch wissenschaftliche Langzeitstudien zu belegende Zweifel an dieser Technologie der ’schönen neuen Welt‘ heraus – geraten die Landwirte in eine kaum in Worte oder Zahlen zu fassende Bredouille: Längst geht es nicht mehr um die grundsätzliche Akzeptanz gentechnisch-veränderter Organismen in Futtermitteln. Viele Bauern, gerade in den tierstarken Veredlungsgebieten, scheinen sich damit abgefunden zu haben, dass es, wie Fachmagazine berichten, kaum noch gv-freie Soja zu kaufen gibt.

Damit es nicht zum Nachdenken über diese – nicht ohne Widerspruch gebliebene – Behauptung kommt schiebt die Futtermittelbranche gleich das nächste Problem hinterher: Die Entwickler der Gentech-Saaten haben in ihren Labors längst die zZ als ‚Zweite Generation‘ der Grünen Gentechnik bezeichneten Pflanzen entwickelt. Sie wachsen bereits auf amerikanischen Feldern, da ihr Einsatz in der Landwirtschaft bereits als ‚unbedenklich‘ zertifiziert wurde. Technisch gesehen geht es, nach der ersten Generation, die Toxine bilden oder Pflanzenschutzmittel tolerieren kann, nun um das erweiterte Design des Pflanzengenoms. Soja, Mais und Co. sollen Gensequenzen erhalten, die sie zu wertvolleren Futter- oder Nahrungsmitteln machen, den Anbau auch an sonst nicht verträglichen Standorten erlauben oder gänzlich neue Eigenschaften hervorbringen, um zum Beispiel industrielle Materialien oder medizinische Wirkstoffe zu liefern (Biopharming).

Allerdings macht der Markt nicht so mit, wie es sich die Industrie wünscht. Ein schlimmer Bremsklotz ist zum Beispiel die Zulassungspraxis für die neuen Pflanzen durch die EU. Futtermittelimporteure beklagen die mangelde Zulassungsgeschwindigkeit durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und malen ein rabenschwarzes Szenario für die hiesigen Bauern: Da ab 2009/10 neben den geduldeten Verunreinigungsspuren (von hierzulande bereits für den Import zugelassenen gv-Sorten) auch solche von nicht-zugelassenen auftreten würden sei wahrscheinlich, dass ganze Schiffsladungen von Mais und Soja den EU-Markt nicht mehr erreichten. Die Folge wäre eine dramatische Verknappung der Eiweißfutter-Versorgung der hiesigen Landwirtschaft. Kostenexplosionen mit dreistelligen Zahlen werden in Aussicht gestellt.

Als Ausweg sieht man die Notwendigkeit, die Zulassung der gv-Generation 2 durch die EFSA massiv zu beschleunigen oder – besser noch – die Zulassungsverfahren zu harmonisieren, um den freien weltweiten Handel zu gewährleisten.

Wie die Behörden läuft auch die Politik dieser Entwicklung scheinbar komplett abgehängt hinterher. Weder das neue deutsche Gentechnik-Gesetz noch die Beruhigungspille der ‚ohne-Gentechnik‘-Kennzeichnung können von Landwirten und Verbrauchern als zukunftsfähige Antwort auf die absehbare, rasante Entwicklung der neuen Pflanzeneigenschaften verstanden werden.

Ein Wettlauf der Labors um immer neue Talente und Pflanzengenerationen ist in vollem Gang. Während also die Grüne Gentechnik der ‚Zweiten Generation‘ noch nicht beim Verbraucher bekannt – geschweige denn beim Landwirt in Nutzung ist – entwickelt man in den Gentechniklaboratorien längst die Generationen mit höheren Versionsnummern.

Gen-Soja 2.0 wird also, wie Web 2.0, bald belächelte Geschichte sein.

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