14. Mai 2008

Hintergrundinformation zu Bienenschäden in Süddeutschland

Themen: Bienen,Pflanzenschutz,Umwelt — info @ 20:05

Berlin (agrar.de) – Seit Ende April wird in Teilen Süddeutschlands ein ungewöhnliches Bienensterben beobachtet. Derzeit arbeiten die Behörden vor Ort, die Bienenuntersuchungsstelle im Julius Kühn-Institut und das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit
(BVL) intensiv an der Aufklärung.

Als eine der möglichen Ursachen ist die Vergiftung mit dem insektiziden Wirkstoff Clothianidin in der Diskussion. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass die Belastung der Bienen mit diesem Wirkstoff auf die Aussaat von Mais zurückzuführen sein könnte.

Clothianidin ist als Wirkstoff in verschiedenen Pflanzenschutzmitteln enthalten, die überwiegend zur Saatgutbehandlung eingesetzt werden. Eines der Mittel, Poncho (= Poncho Pro) ist vom BVL seit 2004 auch für die Behandlung von Maissaatgut zugelassen. Die zulässige Dosierung hängt vom Schutzzweck ab: Gegen den Befall von Fritfliege und Drahtwurm erhält das Saatgut 25 g Wirkstoff pro 50.000 Körner; für Saatgut, das gegen den Westlichen Maiswurzelbohrer bei hohem Befallsdruck geschützt werden soll, sind dagegen 62 g Wirkstoff pro 50.000 Körner zugelassen. Bisher sind Bienenschäden dieser Art in Deutschland im Zusammenhang mit diesem Mittel nicht bekannt geworden.

Im Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel werden die möglichen Auswirkungen auf Bienen bewertet, auch bei Mitteln, die für die Saatgutbehandlung vorgesehen sind. Auch bei dem Mittel Poncho haben die an der Zulassung beteiligten Behörden eine gründliche Bewertung auf Bienengefährdung vorgenommen. Da der Wirkstoff Clothianidin für Honigbienen sehr toxisch ist, sind eine Reihe von praxisnahen Versuchen zur Wirkung der Saatgutbehandlung auf Bienen durchgeführt worden. In diesen Tests konnten keine negativen Auswirkungen auf Mortalität, Volksentwicklung, Brutenwicklung, Flugintensität, Verhalten und das Orientierungsvermögen festgestellt werden. Rückstände von Clothianidin in Materialien, die für Bienen relevant sind, lagen deutlich unter den für Bienen kritischen Konzentrationen.

Bei den ersten Untersuchungen der Bienenschäden in Baden-Württemberg deutet sich nun an, dass pneumatische Sämaschinen je nach Konstruktionstyp eine erhebliche Staubabdrift mit Wirkstoffabrieb verursachen, die möglicherweise zu einer Clothianidinbelastung der Bienen führen können und für die Schäden verantwortlich sein könnten.

Nach dem aktuellen Stand der Erkenntnisse empfiehlt das BVL als Sofortmaßnahme, Bienenstöcke aus dem näheren Umkreis von Flächen zu entfernen, auf denen clothianidinbehandelter Mais ausgesät wurde oder noch wird. Anwender, die noch Mais aussäen, sollten vorzugsweise Geräte einsetzen, deren Abluft in den Boden abgeführt wird. Bei pneumatischen Geräten, deren Abluft nach oben oder zur Seite abgeführt wird, sollte am Abluftkanal ein Schlauch so angebracht werden, dass der Luftstrom bodennah austritt.

Unabhängig davon, ob sich Clothianidin letztlich als verantwortlich für die Bienenschäden erweist oder nicht, wird das BVL diese Erkenntnisse zum Anlass nehmen, sich mit der Staubabdrift von pneumatischen Sämaschinen zu befassen, im Zusammenhang damit gegebenenfalls Neubewertungen von clothianidinhaltigen und anderen Saatgutbehandlungsmitteln vorzunehmen und wenn nötig die Zulassungen zu modifizieren.

Informationen zum Wirkstoff Clothianidin

Clothianidin ist ein neuerer insektizider Wirkstoff aus der Gruppe der Neonicotinoide mit breitem Wirkungsspektrum. Der Wirkstoff wurde insbesondere für den Einsatz als Bodeninsektizid zur Saatgutbehandlung entwickelt.

Status in der EU

Clothianidin ist im EU-Gemeinschaftsverfahren bewertet worden; 2002 war das Verfahren so weit fortgeschritten, dass die Mitgliedstaaten vorläufige Zulassungen erteilen durften; 2006 wurde Clothianidin für 10 Jahre in die Positivliste der Wirkstoffe aufgenommen, die für die Verwendung in Pflanzenschutzmitteln zulässig sind.

Zulassungen in Deutschland

In Deutschland sind clothianidinhaltige Pflanzenschutzmittel seit September 2004 zugelassen. Aktuell haben sechs Mittel eine Zulassung, die entweder Clothianidin allein oder den Wirkstoff in einer Kombination mit beta-Cyfluthrin enthalten. Eingesetzt werden die Mittel gegen eine Reihe von Schadinsekten im Ackerbau und Gemüsebau. Fünf der sechs Mittel dienen zur Saatgutbehandlung, eines wird in Kartoffeln entweder beim Legen zur Pflanzgutbehandlung eingesetzt oder später gespritzt.

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