Pferdeforum

Haltung, Stallbau, Weidewirtschaft, Futter und Fütterung => Junge Pferde, alte Pferde... => Thema gestartet von: steffi4772 am 12.10.11, 11:34

Titel: Wann hört Töten auf und wann fängt Erlösen an?
Beitrag von: steffi4772 am 12.10.11, 11:34
Diese Frage müssen wir uns gerade stellen.

Zu uns. Wir haben im Jahr 2000 unser nunmehr 25-jähriges Pferd als bedingt reitbares Beistellpferd für unser erstes Pferd vom Tierschutz übernommen. Alle unsere Tiere, die wir bisher hatten, kommen/kamen immer mehr oder weniger über den Tierschutz. Wir machen uns durchaus Gedanken und helfen Tieren, die evtl. woanders keine Chance mehr haben, wir gehören nicht zu den Menschen, die Tiere abschieben oder sich aus ihrer Verantwortung ziehen.

Nun, besagtes Pferd ist wie gesagt seit 2000 in unserem Besitz, erst als Beistellpferd für unser Erstpferd – und, nachdem dieses 2001 an einer Kolik gestorben ist, haben wir uns auch wieder ein zweites Pferd, quasi das Beistellpferd fürs Beistellpferd zugelegt.

In all den Jahren hat unser Pferd nie eine ernsthafte Erkrankung gehabt. Wir haben ihn vom Tierschutz mit COB und Asthma übernommen, dies haben wir durch eine sehr aufwendige Behandlung so weit in den Griff bekommen, das unser Pferd in den letzten fast sieben Jahren vollkommen beschwerdefrei war und ohne Medikamente ausgekommen ist.

Er stand/steht die ganzen Jahre im Offenstall, immer mit seinem Kumpel und bis vor drei Monaten in einer 4-er Gruppe auf dem Hahnenhof in Pulheim. Hier waren wir prinzipiell rundum glücklich, der Stall ist vorbildlich, nur leider auch recht teuer. Ich wurde vor drei Jahren schwanger und bekam 2009 meine Tochter. Kind, Mann, Beruf, Haus und Hund ließen mir nur noch wenig Zeit für die Pferde.

Viele Überlegungen, beide in Rente zu schicken scheiterten immer an den Möglichkeiten.
Für mich stand es außer Frage, meine Pferde irgendwo in die Eifel oder ins Bergische abzugeben, wo sie weit weg wären, ich einen langen Anfahrtsweg hätte und dann vielleicht doch nur noch einmal im Monat – oder gar noch weniger - sporadisch vorbeischauen würde. Für mich war immer wichtig, mich trotz allem um meine Tiere zu sorgen, selber zu bestimmen, wann/ob/wofür ein Tierarzt gerufen werden muss, wann der Hufpfleger und welcher kommen soll etc., auch sollte meine Tochter immer Kontakt zu den Pferden haben. Also blieb alles so, wie es war.

Durch Zufall entdeckte ich Anfang des Jahres einen Hof in meiner Nähe, der wie auf uns zugeschnitten war. Anfahrtsweg mit 15 Minuten sehr gut, Offenstall in Gruppenhaltung, Weidegang gewährleistet, sauber, gepflegt und der Preis stimmte auch – nur war nichts frei. Im Sommer erfuhr ich zufällig, das ein Platz frei sei und noch einer frei werden würde. Entscheidung gefallen, wir ziehen um.

Der Umzug war unproblematisch, die Eingewöhnung etwas problematischer. Beide meiner Pferde hatten einiges abbekommen, was aber alles nicht weiter dramatisch war.

Vor rund acht Wochen hat die Stallbesitzerin unseren Oldi morgens im Stall vorgefunden, er konnte sich nur noch schwer vorwärts bewegen. Da sie mich nicht erreichen konnte, hat sie ihre Tierärztin gerufen. Diese konnte nichts genaues diagnostizieren, von außen keine sichtbaren großen Verletzungen, kein Fieber, nichts dick o.ä., lediglich eine verhärtete Rückenmuskulatur/Verspannung konnte sie feststellen. Zwei Tage später war es immer noch nicht besser. Ich rief meinen Tierarzt an, der vorne ein Hufgeschwür fand. Dieses wurde geöffnet und entsprechend behandelt und dem Pferd insgesamt drei Wochen Ruhe gegeben. Zwischenzeitlich war die Hufpflegerin da und hatte nochmal geschaut – alles ok. Pferd läuft wieder.

Freitags setzt sich meine Reitbeteiligung nach Absprache mit mir das erste mal wieder drauf, Pferd geht schwammig unter ihr im Schritt und stolpert hinten immer wieder, sie hört wieder auf zu reiten.

Samstags komme ich in den Stall und Pferd läuft nur noch im Travers. Steht schief wie ein Fragezeichen und mag sein rechtes Hinterbein nicht wirklich belasten. Wie der Teufel es will, mein Tierarzt ist genau an dem Wochenende weggefahren. Ich will aber nicht wieder jemand anderen rumdocktern lassen und warte bis Montagmorgen. Tierarzt kommt, vermutet ein Hufgeschwür im hinteren Bein, findet aber nichts. Videoaufnahme im Schritt und Trab, wie gesagt im schönsten Travers über die Weide – Ich sehe mein Pferd und denke, der sieht aus wie mein alter Hund. Der hatte Spondylose und einen tauben Nerv in der Wirbelsäule und lief zum Ende hin auch nur noch im extremen Seitwärtsgang.

Sicht/Tastdiagnose vom TA fällt leider schwammig aus. Evlt. ist was an den Dornfortsätzen kaputt, vielleicht eine Absplitterung durch Alters-Verschleiß, einen Tritt o.ä., es könnte ein Nerv eingeklemmt sein, es könnte ein Nerv altersbedingt kaputt sein, etc. Er bekommt ein Depot mit Schmerzmittel, Entzündungshemmern, Kortison in den Rücken gespritzt. Für eine genauere Diagnose bezüglich Absplitterung müsste geröntgt werden; um die Nerven zu prüfen, ein CT mit Kontrastmittel gemacht werden, für beides müsste er in die Klinik – im derzeitigen Zustand nicht möglich, der käme auf keinen Hänger rauf, geschweige denn wieder runter. Wir beschließen, einige Tage abzuwarten.

Nach Möglichkeit soll er sich tagsüber weiter in der Herde frei nach seinem Befinden bewegen können, nachts sollte ich ihm möglichst eine Box zum Ausruhen anbieten. Die Rechnung geht aber nicht auf, der Herr randaliert und will nicht in die Box. Es gibt auf dem Hof eine Notbox in der Stallgasse, selbstverständlich mit Pferdegesellschaft der anderen Boxenpferde – aber der Herr möchte „seinen“ Kumpel und macht einen Aufstand ohnegleichen, Box ist nicht möglich, wieder zurück in die Herde.

Er hat inzwischen auch extrem abgenommen, der Umzugsstress, Eingewöhnung in die neue Herde und dann auch noch krank, das zerrt an den Reserven. Zwischenzeitlich ist es zumindest in der Herde etwas ruhiger geworden, er geht jedem Stress aus dem Weg, sein Kumpel beschützt ihn – aber leider sind beide dafür auch relativ häufig alleine und abseits der Herde. Wir füttern ordentlich zu, ein energiereiches Müsli, Maiscobs, Heucobs, Mash und er nimmt wieder etwas zu, sieht aber immer noch bedenklich aus. Eine Osteopathin mobilisiert die LWS und macht Akupunktur und Akupressur. Es scheint ihm für den Moment gutzutun, bringt jedoch nicht wirklich was.

Unser Tierarzt war jetzt regelmäßig da zur Sichtkontrolle, Schmerzmittel bekommt er keine mehr, rein äußerlich scheint er keine Schmerzen zu haben, er freut sich, wenn wir kommen, er isst gut, er geht sehr langsam auf der Weide und frisst. Aber er läuft nicht und kann nach wie vor das Bein nicht belasten. Lehnt sich beim Heufressen an seinen Kumpel, geht mehr im Kreis als gradeaus, weil das nicht geht, geht nach wie vor im Travers. Im einen Augenblick geht er relativ gut und wir denken, jetzt hat ers gepackt  - und in der nächsten Minuten bekommt er keinen Schritt vorwärts. Er hat keine richtige Kontrolle mehr über das Hinterbein. Es sieht aus wie eine Behinderung.

Wir befinden uns in einer Grauzone, sagt unser Tierarzt. Er kann sich hinlegen und aufstehen und auch – soweit der Anschein ist – ohne Schmerzen in Schritt gehen, das sind die Voraussetzungen gegen eine Euthanasie. Er könnte bei ganz viel Willen zumindest einen Hauch einer Chance haben, sich zu erholen, wenn er sich in einer Box ausruhen könnte. Aber eine Garantie gibt es nicht.

Im jetzigen Zustand bekommen wir ihn sicherlich nicht über den Winter. Die Weidezeit ist bald vorbei und dann sind die Pferde nur noch im Offenstall mit großem Sand-Paddok. Seine Kraftreserven sind unserer Meinung nach ziemlich aufgebraucht, er hat so extrem abgenommen und bis jetzt noch keine Energie gehabt, auch nur einen Hauch von Winterfell anzuzüchten. Eindecken funktioniert bei ihm nicht, sein Kumpel zerstört jede Decke im Hufumdrehen, ich vermute auch, dass eine schwere Winterdecke ihn zusätzlich behindern würde. Und im Sand fällt ihm Bewegung noch schwerer, auf dem mehr oder weniger harten und ebenem Weideboden geht es einigermaßen, aber Sand geht gar nicht richtig.

Unser Tierarzt weiß, dass uns eine Entscheidung nicht leicht fällt und unterstützt jede Richtung, egal wie. Ich habe mich schon erkundigt, die Tierkörperbeseitigung angerufen, einen Termin ins Auge gefasst – und frage mich dennoch, ob ich alles richtig mache. Wache nachts auf und grüble und denke und drehe mich im Kreis.

Auf unserem Hof können wir ihn nicht in die Box stellen, er macht einfach nicht mit. Wir könnten versuchen, in einem Nachbarstall unterzukommen und beide Pferde in zwei nebeneinander liegende Boxen zu stellen, aber ob die das so mitmachen, weiß ich nicht. Die wissen ja nicht, das es nur temporär sein soll und wir hoffen, dass es besser wird. Die zwei sind seit über 10 Jahren Offenstallpferde und waren in der Zeit nur einmal kurz wegen Renovierungsarbeiten für ein paar Tage in der Box und da im gesunden Zustand sehr unglücklich.

Auch weiß ich nicht, wie wir die zwei da rüber bekommen sollen. Zu Fuß wäre es ein Weg von mindestens einer Stunde im normalen Schritt – und das wird er nie im leben schaffen. Ich glaube auch nach wie vor, dass ich ihn nicht in einen Hänger bekomme bzw. wieder vernünftig raus, wenn überhaupt, dann nur in einem Hinten rein, vorne raus Hänger – und selbst das würde einen Riesenstress bedeuten. Auch wäre wieder ein Eingewöhnen in eine neue Umgebung, Stall, Pferde nötig, was wiederum Stress bedeutet.

Und nun wägen wir ab – haben schlaflose Nächte, was sollen wir machen? Kämpfen und hoffen, oder erlösen – aber immer im Hinterkopf zu haben, nicht alles versucht zu haben.

Ist für ein Offenstall gewöhntes Pferd, das sich immer viel und gerne bewegt hat und immer selber entscheiden konnte, ob es im Regen steht oder lieber in den Unterstand geht, lebenswert, auf einmal im hohen Alter in eine Box zu ziehen, ohne Wissen, ob und wann es wieder in einen Offenstall kann?

Ich weiß, keiner kann mir/uns die Entscheidung abnehmen – aber vielleicht gibt es ähnliche Erfahrungen, die mir/uns helfen können, das Richtige zu tun....



Titel: Re: Wann hört Töten auf und wann fängt Erlösen an?
Beitrag von: carola am 12.10.11, 11:51
Tut mir Leid, aber wenn ich das lese, frage ich mich, wie das Leben von dem Tier grade noch lebenswert sein soll? Du schreibst, er könne keine ganze Stunde Schritt zu Fuß gehen, aber er ist den ganzen Tag im Schritt "problemlos" auf der Koppel unterwegs?
Pferde sind Fluchttiere. Auch, wenn hier keine Wolfsrudel mehr unterwegs sind, sie haben ihre Instinkte. Dieses Pferd kann nur noch Schritt gehen und nicht mehr flüchten. Damit ist es immer dasjenige, das potenziell gefressen wird. Und das weiß es auch. Für mich persönlich wäre es keine Frage, ob Box oder Nicht-Box. Von außen sagt sich das sehr einfach, ich weiß, aber man muss sich bei Tieren, die keine eigene Entscheidung treffen können und unsere Erklärungen nicht verstehen, schon fragen, ob eine lange Heilungsphase (mit hier ungewissem Ausgang) noch in ihrem Sinn sein kann, wenn sie in dieser Zeit kein artgerechtes Leben führen können. Wie hier eine Box. Mit Boxenhaft für den noch fitten Kumpel. Es gibt aber auch noch schlimmeres, über das die einen sich freuen, die anderen sich grausen. ich denke immer noch an den Bericht auf der Seite von Ariane Reeves über das Rehepferd, das über ein halbes Jahr fast nur liegen konnte. :-X Das ist aber Ansichtssache, dessen bin ich mir bewusst.
Titel: Re: Wann hört Töten auf und wann fängt Erlösen an?
Beitrag von: steffi4772 am 12.10.11, 12:05
Danke Carola für Deinen Beitrag.

Ja, eben, diese Frage stellen wir uns ja und das durchaus gewissenhaft.

Und ja, ich schreibe, er kann im Schritt auf die Weide aber keine Stunde mehr im Schritt in einen fremden Stall. Vielleicht würde er es schaffen, vielleicht auch nicht, das Risiko wäre mir durchaus zu groß und ich würde es nicht eingehen. Die Frage stellt sich auch nicht. Wenn überhaupt, käme nur eine Hängerfahrt in Frage, und auch hier wissen wir ja nicht, ob er überhaupt eine Rampe hochkommt. 

Und er ist nicht "problmelos" auf der Koppel unterwegs, das schreibe ich so nicht. Ich schreibe, er geht sehr langsam im Schritt über die Weide und frißt gras, er macht einen schmerzfreien Eindruck, scheint aber eine Behinderung zu haben. Er ist wach, hat einen klaren Blick, wiehert, wenn einer kommt, ist nicht apathisch, frißt. Eben das macht es ja so schwer - uns und unserem Tierarzt ....

Trotzdem Danke
Titel: Re: Wann hört Töten auf und wann fängt Erlösen an?
Beitrag von: Hexenkind17 am 12.10.11, 12:14
Hallo,
ich finde es toll wie viele Gedanken du dir um deinen Oldie machst und das du soviel für ihn tust. Das ist leider nicht immer selbstverständlich.Man merkt wie viel dir dieses Pferd bedeutet.
Aber eine Aussage deines TAs stößt mir doch etwas auf: wenn ein pferd Schritt gehen kann, hätte man keinen grund zu euthanisieren?!  :o
Das ist etwas was ich aus meiner Sicht absolut nicht unterschreiben kann... Ein pferd muss für mich frei im Schritt, Trab und Galopp gehen müssen um ein sinnvolles Leben als Beistellpferd zu haben. Klar, ab und mal steif oder lahm kann an schlechten Tagen mal sein, aber die guten sollten weit in der Mehrzahl sein.
Nur noch im Schritt und das im Krebsgang für ein Fluchttier? Seine Muskeln, sein ganzer Körper muss durch diese Schonhaltung ja schon wehtun. Pferde geben nun mal als Beutetiere nicht auf, die kreuchen immer irgendwie weiter...
Das hört sich wirklich nicht lebenswert an.  :-\ Erlöse ihn lieber jetzt selber, als wenn er zB nachts irgendwo sich festlegt und stundenlang nicht gefunden wird oder ähnliche Horrorszenarien.
Titel: Re: Wann hört Töten auf und wann fängt Erlösen an?
Beitrag von: sasthi am 12.10.11, 12:27
Ich habe erst gestern abend ein Tier einschläfern lassen müssen. Ja, er hätte - mit aufwändigen Behandlungen - weiterleben können.

Aber manchmal muss der Mensch den Säbelzahntiger ersetzen. Und ein Pferd, was nur noch traverartig laufen kann und nur im Schritt beschwerdefrei ist *hmpf*, ...

in der Natur wäre er das erste Opfer eines Löwen oder Wolfrudels.
Titel: Re: Wann hört Töten auf und wann fängt Erlösen an?
Beitrag von: carola am 12.10.11, 12:37
Steffi, es war nicht böse gemeint. ;) Ich sehe schon, dass ihr euch sehr viele Gedanken macht. Aber die Aussage des TAs ist mir auch aufgestoßen. Sowas macht die Entscheidung halt auch nicht leichter. :P
Ich habe erst vor kurzem mit Entsetzen ein Pferd im Krebsgang gesehen, dessen Besitzer (eine TÄ!) auch sehr, sehr lange gebraucht hat, bis sie ihn endlich erlöst hat. Der hatte noch viel mehr Baustellen, aber da war der Ruf nach dem Tierschutz schon irgendwann sehr laut. Der hatte auch richtig Probleme mit den anderen Pferden. So ein Pferd kann nicht mal richtig  weichen, wenn der Herdenchef es seiner Natur gemäß fordert. :'(
Titel: Re: Wann hört Töten auf und wann fängt Erlösen an?
Beitrag von: ReserlM am 12.10.11, 12:45
Was meiner Meinung nach bei Pferden die Entscheidung was ist lebenswert und was nicht, noch viel schwieriger als z. B. bei Hund und Katze macht, ist die Tatsache das Pferde instinktiv solange wie möglich keinen Schmerz zeigen, denn das wäre in der freien Wildbahn wie ein Schild um den Hals auf dem steht: "Friss mich"
Wenn Pferde Schmerzen zeigen, sind es meistens schon lang anhaltende, massive Schmerzen und gerade bei einem alten Pferd frage ich mich, warum darf es jetzt nicht gehen, warum erst in einem halben Jahr oder noch später, was könnte es so spannendes verpasst haben was es noch dringend nachzuholen gilt? Nicht die Länge ist entscheidend, sondern die Qualität.
Titel: Re: Wann hört Töten auf und wann fängt Erlösen an?
Beitrag von: GilianCo am 12.10.11, 12:58
Das mit dem "im Schritt gehen können" kenne ich so auch. ALLERDINGS sollte das Pferd im Schritt in meinen Augen (und so habe ich es auch gelernt) komplett lahmfrei sein, damit es auch wirklich in der Lage ist, auf der Weide problemlos zurechtzukommen. Ein problemloses zurechtkommen in der Herde gehört für mich damit auch zu einer Grundvoraussetzung, die ich hier auch nicht erfüllt sehe. Ich denke auch, das sich mir die Frage nach Box oder anderen Möglichkeiten nicht stellen würde, solange das Pferd im Schritt nicht komplett lahmfrei ist. Ich denke, schmerzfrei ist eben schwer zu entscheiden, wenn eine Gliedmaße nicht belastet wird / belastet werden kann. Das ist schon schwierig in meinen Augen.

Ich stand vor 12 Jahren auch so da, und habe gegrübelt und gegrübelt über meine Stute. Klar war, wenn es nicht mehrt geht, dann hole ich auch nicht noch fünf Meinungen ein, sondern bin so fair, und gebe ihr die Chance, die ein Mensch nicht hat, und erlöse sie vom Leiden. Sie hatte Spat, und obwohl es röntgenologisch gar nicht sooo schlimm aussah, kam sie nur schwer zurecht. Sie war allerdings, und daher hat sie "noch einen Sommer bekommen" von mir, im Schritt komplett lahmfrei, und in Situationen, wo es ihr zu eng wurde, war sie auch, trotz vorhandener Lahmheit in der Lage, im Galopp zu flüchten, nur den Trab hat sie von sich aus gemieden. Das war für mich vertretbar. Allerdings hat sie in der Herde dann auch einen wirklich schlechteren Stand bekommen, daher hat sich dann leider eine Überlegung, sie in einen anderen Stall zu stellen, damit sie ggf. auch im Winter draußen bleiben kann schnell erübrigt, denn sie kam schon in der eigenen Herde nicht mehr zurecht zum Ende des Sommers.

Von daher - im Schritt zurechtkommen kenne ich und kann es nachvollziehen, aber die Kritik, die Hexenkind anbringt, sind in meinen Augen schon gerechtfertigt (auch wenn ich erahnen kann, was der TA damit sagen will, weil ich diese Sichtweise auch aus der Uni und der Praxis kenne).

Ich glaube, ich würde hier doch schon dahin tendieren, die letzte Entscheidung zu treffen. Warum? Ich denke, ihr habt das Pferd ja wirklich nur um des Pferdes willen. Es "erfüllt keinen Zweck", es soll sich einfach nur wohlfühlen, und noch eine schöne Zeit haben. Ich für meinen Teil kann mir aber nicht vorstellen, das ein Pferd, was schmerzfrei ist, sich aber nicht problemlos bewegen kann, wirklich noch ein Leben hat, was man als "lebenswert" bezeichnen kann. Ich sehe natürlich nicht, wie das Pferd sich ansonsten verhält, aber aus Deiner Beschreibung wäre das die Entscheidung, die ich treffen würde.
Titel: Re: Wann hört Töten auf und wann fängt Erlösen an?
Beitrag von: donau am 12.10.11, 13:22
für mich persönlich würde es den ausschlag geben, wenn das pferd in der ihm gewohnten haltungsform nicht mehr leben kann. zudem sind ja hier nutzen und aufwand einer therapie in keinem verhältnis mehr - ein 6 monatige therapie, die das pferd zudem stresst, und schwer zu bewerkstelligen ist (stallwechsel, nicht mehr transportfähig etc.), ausserdem mit ungewissem ausgang - wofür? für ein weiteres halbes jahr leben? für ein pferd, dass im hier und jetzt lebt, dem es jetzt schlecht geht, sodass es abbaut, spezialfutter braucht, und immer mehr verfällt (übrigens ein anzeichen von dauerschmerz), sich nicht mal im schritt richtig bewegen kann, denkt nicht drüber nach, ob es ev. noch 26 werden will. für mich wäre die entscheidung schon gefallen... wenn ich allerdings auch das ende der weidesaison abwarten würde, und ihn erlösen, bevor er in den sandpaddock muss, auf dem´s dann nach deiner aussage "gar nicht mehr geht"....

das mag jetzt ein bisschen hart klingen, und ich will dir deine gedanken nicht absprechen, und man liest, dass du viel überlegst - aber manchmal ist man einfach zu nah dran, um das offensichtliche zu sehen. ausserdem glaube ich, du weisst es schon, weisst, was du tun solltest, es ist nur unendlich schwer...

ich kann das voll und ganz nachvollziehen - such mal unter "wenn der tierarzt kommt" die box mit dem titel "wann ist es genug?" - ich war vor 1,5 jahren in einer ähnlichen situation, das pferd damals allerdings noch keine 12 jahre alt. erfreut sich jetzt als pensionistin bester gesundheit, soweit möglich, ist in allen gangarten lahmfrei und fröhlich, auch reitbar - und doch bin ich in den 2 lahmheitsschüben, die wirklich grausam waren, weil pferd im schritt lahm für jeweils 3 wochen, und auch sonst sehr... müde... mit dem telefon in der hand vor ihr gestanden, und hab überlegt, ob es jetzt zeit ist... sie war nach 3 wochen jeweils wieder weitest gehend lahmfrei. ich will für mein pferd, dass die guten zeiten die schlechten zeiten bei weitem überwiegen - wenn mehr als 25% vom jahr für´s pferd schlecht sind, ist es das für´s pferd nicht wert. die warten nicht auf den nächsten sommer und trösten sich damit, wenn sie im winter schmerzen haben...
Titel: Re: Wann hört Töten auf und wann fängt Erlösen an?
Beitrag von: Rubens am 12.10.11, 14:03
Hallo,

ich glaube das Problem ist nicht das Einschläfern oder nicht, sondern die Aussage des TAs dass hier noch kein konkreter Grund zum Einschläfern vorliegt.

Da würde eine 2. Meinung eines anderen TAs helfen.

Viel Kraft und alles Gute!
Titel: Re: Wann hört Töten auf und wann fängt Erlösen an?
Beitrag von: Büffelchen am 21.10.13, 14:10
Genau die gleiche Frage habe ich mir die letzten tage und Wochen auch gestellt. Ich habe eine durchtrittige Stute,  mit noch anderen Baustellen (Borna und KPU) bereits 6 Jahre in Rente.
Diesen Winter will ich ihr auf meinen Hangkoppeln nicht mehr zumuten. Habe lange gehadert und gegrübelt- so manche Nacht mit offenen Augen im Bett verbracht.

Doch der Gedanke an den Säbelzahntieger hat mich in meinem Entschluß bestärkt. Damals 2006 War die Stute so krank, dass ich sie schon fast beim Schlachter hatte- damals hat mich ein Ostheopath umgestimmt. Und es ging ihr tatsächlich noch vier Jahre richtig gut...verliebt in einen Neuzugang rosste sie alle paar Wochen, wie eine junge.
Doch nun hat sich die Durchtrittigkeit verschlimmert und bergab oder bei einem Rüffel vom Chef kommt sie auf den Boden. Schmerzen zeigt sie keine und hat auch noch einen wachen Blick und steht insgesamt noch gut da- das macht es nicht gerade leichter.

Mittwoch abend, oder Donnerstag früh ist es soweit.

Titel: Re: Wann hört Töten auf und wann fängt Erlösen an?
Beitrag von: carola am 21.10.13, 14:19
Arme Andrea, welch ätzende Entscheidung! :-* Aber du kennst das Pferd lang genug, und ich denke, sie hat doch eine schöne lange Zeit bei dir verbracht. Lieber einen Tag zu früh, als einen zu spät!
Titel: Re: Wann hört Töten auf und wann fängt Erlösen an?
Beitrag von: Büffelchen am 21.10.13, 14:47
Ja- so sehe ich das mittlerweile auch. Aber das war ein schmerzhafter Prozess.

Inzwischen bin ich soweit, dass es möglichst schnell geschehen soll. Dienstag hätte ich einen Termin haben können- aber da kann der Abdecker leider noch nicht kommen. Und wie es immer so ist, wird es genau jetzt nochmal sommerlich warm. Daher dann doch erst Mittwoch oder Donnerstag.
Titel: Re: Wann hört Töten auf und wann fängt Erlösen an?
Beitrag von: carola am 21.10.13, 15:26
Ja, das verstehe ich, dass du es hinter dir haben möchtest. Man weiß ja auch gar nicht, wie man dem Tier noch begegnen soll. Wenn man weiß, dass man es erlösen will/soll, dann JETZT und nicht erst in ein paar Tagen. Aber die kriegt ihr noch rum.
Titel: Re: Wann hört Töten auf und wann fängt Erlösen an?
Beitrag von: Büffelchen am 21.10.13, 15:51
Na klar...solange wird sie nach Strich und Faden noch verwöhnt. Alles was sie jahrelang nicht haben durfte, bekommt sie jetzt selbstverständlich: Brötchen, Möhren, Äpfel usw..... und Grasen am Strick, was früher verboten war.
Letzte Woche gab's ein letztes Mal Hufpflege, und jetzt noch so manche Putzeinheit- einfach nur weil's so guttut.
Titel: Re: Wann hört Töten auf und wann fängt Erlösen an?
Beitrag von: Olli am 21.10.13, 16:10
ohje was für ein thema....  :'( :'(

@bügffelchen, fühl dich mal fest gedrückt. seine freundin verlieren auf termin ist immer schlimm.
  :-* 
ich finde das toll wie du es machst, alles nochmal schön machen und sie soll sich wohlfühlen ,das tut allen gut

als mein maxi eingeschläfert wurde, haben die einsteller fotos mit ihm gemacht, so das jeder nochmal abschied genommen hat und mir ein wunderschönes album geschenkt mit tollen erinnerungen aus den vielen jahren. das war wunderschön und heute sehe ich die bilder immer wieder gerne an.

mein kleines monster, er wird deine süsse sicher begrüssen und ihr die besten plätze auf der wiese zeigen wo man so richtig gut schlemmen kann!!!
Titel: Re: Wann hört Töten auf und wann fängt Erlösen an?
Beitrag von: Janker am 11.11.13, 12:41
Ein hartes Thema, als mein alter Haffi gehen mußte, dauerte das auch noch ein paar tage wegen Terminfindung, waren sehr harte tage, gefühlt kam das ganze Esch vorbei um sich nochmal zu verabschieden von einem besonderem Kutschpferd.....Kutschpferde sind nochmal anders nicht so privat wie ein Reitpferd, welches am End nur den besi und eventuelle RBs und Vorbesis interessiert. Beim Fahrshetty hielt der Kiga-Bus, damit sich die kids nochmal verabschieden konnten. KB mußte ich wegen meiner Gesundheit leider zurück an die Vorbesis geben, so dass mir da die Prozedur erspart bleibt und die jetzigen schwarz Shetten können die Leut zum glück nicht differenzieren, so dass mir da hoffentlich der Rummel erspart bleibt. Eh keine leichte Entscheidung, die gewiß nicht leichtfertig gewählt wird (ich brauch mindestens 3 jahre um Kutschpferd für meinen Hausgebrauch fertig zu haben und so richtig komfortabel wird das Zusammenleben erst ab Jahr 5), wenn man die dann noch mit Hinz und Kunz diskutieren/erläutern muss ist es nicht einfach immer höflich zu bleiben. Übrigens bei mir wird ausschließlich geschossen, weil ich das dem Pferd für jahrelangen treuen Dienst schuldig bin, egal ob das im hinfallen nicht ganz so harmonisch aussieht, tot ist tot, aber ein altes pferd mit Kreislauf, welches wegen sich zersetzender Vene nochmal so richtig lebhaft wird, brauch ich nicht. Ist das Pferd besonders, wird es zu Haus in gewohnter Umgebung geschossen, ansonsten fahr ich das zum Schlachthof und halte den kopf beim Schuß. Es ist der letzte Dienst den ich meinem Pferd erweisen kann. mfg Janker
Titel: Re: Wann hört Töten auf und wann fängt Erlösen an?
Beitrag von: Büffelchen am 11.11.13, 14:36
Darüber habe ich zuvor auch lange nachgedacht und mich gründlich informiert. ich habe mich fürs Einschläfern entschieden, jedoch mit der Bedingung dass die Vollnarkose in separater Spritze zuerst gegeben wird, dann kann ich sicher sein, dass wirklich nichts schiefgeht und alles so ist, wie es ausschaut. Das mit dem wieder munter werden, ersticken und was der teufel kommt ja ausschließlich bei unsachgemäßer Anwendung von diesem T61 vor.
Ich muß sagen, bei meiner Stute ist alles optimal gelaufen und ich werde es bei allen meinen Pferden so handhaben.
Kopfhalten im Schlachthof gibts bei uns nicht- als Laie darf man nicht am Pferd sein, wenn es geschossen wird- schon zu viel passiert.
Selbst der TA hat mir den Kopf ganz kurz aus der Hand genommen, in dem Moment, als das Pferd fiel....kann wohl übel enden.

Ok.- der Schuß zuhause käme auch noch in die engere Wahl, aber da wollte ich mir einfach das Ausbluten ersparen...bin ja auch nur ein Mensch :-\

Diese "Öffentlichkeitsarbeit" würde mir auch böse auf den Senkel gehen. Habe hier auch schon zuviel Publikum, weil alles einsehbar und die Leute aus der WE-Siedlung sind größtenteils Stadtmenschen, die sich mit diesem Thema noch nie auseinandergesetzt haben.
Titel: Re: Wann hört Töten auf und wann fängt Erlösen an?
Beitrag von: Janker am 11.11.13, 20:30
huhu, büffelchen,

Leider ist das eine Illusion (meiner Erfahrung nach), dass Narkose vorher die Anwendung von T61 gefahrlos macht bzw im Normalfall klappt das natürlich so (allerdings ist das im Normalfall ohne Betäubung auch nur ein winziges Aufbäumen!). Ich würd im Grundsatz ein altes/vergiftetes/sehr geschwächtes Pferd mit Kreislauf bei Wetter nur schießen, wohingegen ein junges Pferd mit zb gebrochenen Haxen mich umstimmen könnte Richtung einschläfern. Wegen dem blut gibt es heutzutage die möglichkeit einen mobilen Schlächte rmit Lanze zum Absaugen kommen zu lassen.
mfg Janker
Titel: Re: Wann hört Töten auf und wann fängt Erlösen an?
Beitrag von: GilianCo am 12.11.13, 08:12
Das man den Kopf beim schießen halten darf, habe ich bis jetzt noch nicht erlebt. Und im Grunde fände ich das auch etwas heftig.

Es stimmt, bei schwachem Kreislauf ist die Euthanasie schwierig. Ich würde mich bei meinem Pferd, auch weil ich dabeibleiben werde, dennoch die Euthanasie meist vorziehen.

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