Autor Thema: Tiertrainer Denis Fuchs gibt Tipps für Rinderhalter  (Gelesen 4261 mal)

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Tipps für leichtes und sicheres Arbeiten im Stall

Tiertrainer Denis Fuchs schulte Rinderhalter bei LBG-Seminar

Moderne Aufstallungsformen, ein hoher Technisierungsgrad bis hin zum Melkroboter oder die klassische Weidehaltung lassen beim Landwirt mitunter den Eindruck entstehen, dass er nun weniger Zeit für seine Tieren aufbringen muss – ein fataler Trugschluss! Das zeigt zumindest die Unfallstatistik der LBG. Denn wer seine Tiere nicht kennt, lebt riskant.

Schon alleine aus finanziellen Erwägungen ist es sinnvoll, sich angemessen um seine Rinder zu kümmern und ihnen Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken. Sie sind empfindsame Herdentiere mit eigenem Charakter und sozialen Strukturen. Wer deren typisches Verhalten berücksichtigt, wird belohnt – durch höhere Erträge, vor allem aber auch durch viel mehr Sicherheit bei der Arbeit. Die LBG hat deswegen den Tiertrainer Denis Fuchs zu einem Fortbildungsseminar für Rinderhalter in Triesdorf/Mfr. eingeladen. In Theorie und Praxis zeigte und erklärte der Fachmann aus dem Elsass den geladenen Rinderhaltern, worauf es ankommt, damit sie stress- und unfallfrei mit ihren Tieren arbeiten können. Die Veranstaltung war ein Pilotprojekt in Bayern. Die Ergebnisse aus Theorie und Praxis sollen künftig in Aus- und Fortbildung einfließen.


So funktioniert Ihr Rind:

Das A und O: regelmäßige Herdenbeobachtung und Tierkontakt
Im Laufstall und auf der Weide prägen Rinder ihre individuellen Eigenschaften und das ererbte Herdenverhalten deutlich aus. Insbesondere, wenn ein Bulle bei der Herde mitläuft, erhöht sich das Risiko für den Menschen. Das heißt, es gibt Hierarchien, die der Landwirt kennen muss und die sich auch laufend verändern können – besonders bei Veränderungen im Tierbestand. Oberstes Ziel ist es, dass der Mensch immer ranghöher ist, als alle Rinder in der Herde.

Das Rind ein Fluchttier
Auf Rinder wirkt Unbekanntes und alles das, was sie erschreckt oder unter Druck setzt, bedrohlich.  Es löst zunächst Flucht aus. Gehen Sie deshalb ruhig und besonnen mit ihren Tieren um und vermeiden Sie Veränderungen sowie Situationen, die Ihre Tiere erschrecken. Bereits direkter Blickkontakt und ein schnelles, entschlossenes Zugehen auf das Tier können Stress beim Tier auslösen: Nähern sie sich Rindern deshalb, wenn notwendig, eher beiläufig und mit dem Rücken zum Tier, ohne sie jedoch dabei aus den Augen zu lassen.   

Rinder sehen ihre Umwelt ganz anders
Rinder haben eine andere Wahrnehmung als Menschen. Dies zu wissen und bei der Arbeit zu berücksichtigen kann unter Umständen lebensrettend sein!

Verzögerte Hell- / Dunkelreaktion des Auges
Die Augen Ihrer Rinder passen sich fünfmal langsamer an veränderte Lichtverhältnisse an als ein menschliches Auge. Bedenken Sie das beim Treiben der Tiere vom Hellen ins Dunkle und umgekehrt! Menschen im Umfeld der Tiere werden nicht oder zu spät erkannt und können so unabsichtlich gestoßen oder angegriffen werden.

Nachlassende Sehschärfe bei Stress
Zwar ist das Sichtfeld des Rindes mit 300 Grad erheblich größer als das des Menschen – scharf sehen können die Tiere aber nur auf geringe Distanz. Alles andere sind unscharfe Schatten, die sich zudem für das Tier ruckartig bewegen und es im ungünstigsten Fall erschrecken. Steht das Tier unter Stress, ist ihm ein scharfes Sehen überhaupt nicht mehr möglich und es reagiert entsprechend panisch.

Grelle Farben vermeiden
Helle und grelle Farben, wie hellgelb oder orange, können die Tiere erschrecken – tragen Sie deshalb Arbeitskleidung in gedeckten, dunklen Farben.
 
Feine Nase wittert Stress
Nutzen Sie den Umstand, dass Rinder ein feines Riechorgan haben. So lassen sie sich leicht mit etwas Futter oder Salz in der Hand anlocken und so an den Menschen und an die Hand des Menschen gewöhnen. Rinder erkennen ihre Betreuer am immer gleichen Geruch. Fremde Gerüche machen die Tiere unruhig. Tragen Sie im Stall  immer Arbeitskleidung, die den Tieren bekannt ist, und vermeiden Sie wechselnde und intensive Gerüche.  Sorgen Sie auch dafür, dass Betriebsfremde, die im Stall arbeiten -zum Beispiel Betriebshelfer- dies beachten. Über ihre feine Nase erkennen Rinder Stimmung und Gefühle. Stress, Angst oder Aufregung überträgt sich auf die Tiere; sie  reagieren entsprechend. Insbesondere teilen sich die Tiere auch untereinander über Gerüche mit. Hat ein Tier an einem Platz unangenehme Erfahrungen gemacht, dann hinterlässt es diese „Botschaft“ über seine Ausscheidungen, was über Stunden wirkt.

Ihre Kuh hört mit
Rinder haben ein feines Gehör. Schrille und hohe Töne, wie zum Beispiel Kindergeschrei, setzen die Tiere unter Stress. Wichtig ist es deshalb, die Tiere ruhig anzusprechen.

Vertrauensbildende Maßnahmen
Streicheln und Anlehnen sind vertrauensbildende Maßnahmen. Rinder lassen sich gerne streicheln. Sie mögen feste Berührungen wie im Herdenverbund. Nutzen sie dieses Wissen wenn Sie zum Beispiel Arbeiten am Tier durchführen müssen.


Tipps und Tricks sparen Zeit …

… und machen Ihre Arbeit mit den Tieren leichter und sicherer. Wussten Sie schon, dass Ihre Kuh automatisch das Maul öffnet und schluckt, sobald Sie die Innenseite der Oberlippe kraulen? Ein überaus hilfreicher Trick, wenn zum Beispiel Medikamente eingeflößt werden müssen. Wussten Sie, wie man Schnellhalfter oder Führstricke so schlingt, dass sie halten und sich trotzdem schnell lösen lassen, wenn sie nicht mehr benötigt werden? Wussten Sie, wie ein einfacher Strick -in der richtigen Technik über die Reflexpunkte am Rücken geschlungen-  hilft, ihre kalbende Kuh nieder zu legen, ohne dass der Bauch gequetscht wird?

Diese und weitere Tricks zeigte Denis Fuchs im Praxisteil. Interessierte konnten diese Tipps vor Ort selbst umsetzen.

Fazit: Zeit, Ruhe, Wissen und Respekt sind die wesentlichen Faktoren im Umgang mit Rindern. Bei Annäherung an die Tiere ist es daher wichtig, deren Verhalten zu verstehen und richtig zu agieren, das heißt vor allem MIT dem Tier und nicht dagegen zu arbeiten. Zu ihrem eigenen Schutz sollte der direkte Umgang mit dem Tier vor allem in der Herde nur unter Berücksichtigung der notwendigen Sicherheitsvorkehrungen erfolgen. Passende bauliche und technische Maßnahmen sind eine gute Voraussetzung, den Kontakt und damit die unfallträchtigen Situationen auf das notwendige Mindestmaß zu verringern.


 


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