Kai Lisboa – ermordet, aber nicht vergessen!

Kai LisboaVor einem Jahr, wahrscheinlich am 6. September 2006, verschwand mein langjähriger Freund Kai Lisboa in Natal (Nordost-Brasilien). Er wurde, so eine Zeugin später, von mehreren uniformierten Männern in ein Auto ohne Nummernschilder gezwungen. Kai wurde am 10. September ermordet aufgefunden.

Nach seinem Studium an der Gesamthochschule Kassel in Witzenhausen (Nordhessen) ging Kai Lisboa nach Brasilien und arbeitete dort zunächst einige Jahre für den Deutschen Entwicklungsdienst (DED) als Berater in Minas Gerais. Danach erwarb er mit/für dem/n deutschen Unternehmer Peter Wiese aus München einen 600 Hektar großen landwirtschaftlichen Betrieb (Fazenda Paz, heute Fazenda Natal) und verwaltete diesen drei Jahre als Mitinhaber und Geschäftsführer bis zum Juni 2006. Der Betrieb produziert Früchte wie z.B. Papaya, Ananas, Limetten und Maracuja, teils für den Export, teils für den lokalen Markt. Mehrere Studenten der Gesamthochschule Kassel absolvierten ihr Auslandspraktikum auf dem Betrieb, der u. a. auch von Dozenten der Kasseler Universität beraten wurde.

Im Mai/Juni des vergangenen Jahres setzte der Besitzer einen neuen Verwalter für die Fazenda ein, Rogério Rezende Paiola. Von diesem, dem Besitzer und einigen privaten Wachleuten wurde Kai mit seiner Familie – unter Waffengewalt – von der Fazenda vertrieben. Kai durfte die Fazenda nicht wieder betreten, z.B. um seine persönlichen Dinge zu holen. Von vielen seiner Dokumente (wie Gesellschafter- und Arbeitsvertrag) fehlt seither jede Spur.

Kai zog nach Natal, der Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande do Norte, in dem die Fazenda liegt. Da der Besitzer ausstehenden Lohn und den Anteil Kais an der Fazenda zurückhielt setzte Kai einen Arbeitsrechtsprozess in Gang und ließ über seinen Anwalt den offenbar beabsichtigten Verkauf der Farm stoppen.

Kai wurde am 10. September in Barra de Maxaranguape aufgefunden, einen Tag vor der ersten Anhörung seines arbeitsrechtlichen Verfahrens. Er wurde mit mehreren Schüssen in den Kopf getötet, sein Körper wurde angezündet und verbrannte bis zur Unkenntlichkeit. Am 14. September konnte er – nur anhand seines Zahnbildes – identifiziert werden. Die Presseberichte zum Mordfall, die bis zu einer offensichtlich verhängten Informationssperre veröffentlicht wurden, finden sich hier.

Erwähnenswerterweise wurde das erste polizeiliche Ermittlungsverfahren von Maurílio Pinto de Medeiros, einem Mitarbeiter des Sekretariats für öffentliche Sicherheit von Rio Grande do Norte geleitet, der noch 2002 eine weit über die Grenzen von Rio Grande do Norte hinaus bekannte Todesschwadron, die sich überwiegend aus Polizisten zusammensetzte, angeführte. So verwundert es nicht, daß die Wachleute der Fazenda für unschuldig befunden wurden und der Anwalt Rogério Rezende Paiola ungehindert das Land – Richtung Deutschland – verlassen konnte. Erklärt werden könnte dies dadurch, daß Paiola und Medeiros beide derselben Freimaurer-Loge angehören sollen.

Kai Lisboa hatte zwei Nationalitäten, aber weder in Brasilien noch in Deutschland wurde die Aufklärung seines Mordes ernsthaft betrieben. Statt sich um die Mörder zu kümmern zogen es die Behörden in Natal und Brasilia (sowie in Hamburg und München) vor, diversen Gerüchten nachzugehen, mit denen versucht wurde, Kai als Mörder, Drogenhändler oder Betrüger darzustellen.

Für den Fall wichtige Zeugen wurden bis heute nicht befragt, die wirtschaftlichen Hintergründe zur Tat wurden offensichtlich komplett ignoriert. Die ‚Bemühungen‘ der ermittelnden Behörden haben zu keiner Verhaftung oder Anklage geführt.

Selbst die ‚Berater‘ von der Uni Kassel zogen es offenbar vor, die Sache ungeklärt zu lassen. Wegen der Veröffentlichung des Mordfalls im Internet drohte man mir ‚rechtliche Konsequenzen‘ an und riet mir, nicht weiter ‚Detektiv zu spielen‘, weil es ‚für alle, und besonders für Kai das Beste‘ sei, sich nicht weiter um die Sache zu kümmern. Ich vermute, daß es dabei ’nur‘ darum ging, die eigene, nebenberufliche Beratungstätigkeit nicht in die Öffentlichkeit geraten zu lassen.

Die Fazenda Paz wurde kurzerhand in Fazenda Natal umbenannt und steht weiter zum Verkauf.

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