10. August 2006

Studie: Parkinson durch Pestizide

Themen: Archiv — info @ 12:08

Boston (agrar.de) – Die Exposition mit Pestiziden im Beruf oder in der Freizeit scheint das Erkrankungsrisiko auf einen Morbus Parkinson zu erhöhen. Basierten die diesbezüglichen Vermutungen bisher nur auf experimentellen Untersuchungen und unsicheren Fall-Kontroll-Studien, so wurde jetzt in den Annals of Neurology (2006; doi: 10.1002/ana.20904) erstmals auch in einer prospektiven Beobachtungsstudie eine Assoziation gefunden.

Eine umwelttoxische Ursache des Morbus Parkinson wird diskutiert, seit in den 80er-Jahren Drogenabhängige die Erkrankung unbeabsichtigt bei sich induzierten. Bei der Synthese der Designerdroge MPPP (1-Methyl-4-phenyl-4-propion-oxy-piperidin), auch ’synthetisches Heroin‘ genannt, war ihnen ein fataler Fehler unterlaufen. Statt MPPP injizierten sie MPTP (1-Methyl-4-phenyl-1,2,3,6-tetrahydropyridin), das heute als nigrostiatales Toxin bezeichnet wird, da es innerhalb kurzer Zeit ein Parkinsonsyndrom auslöst (Science 1983; 219: 979-980).

Da MPTP eine gewisse toxikologische und strukturelle Verwandtschaft mit den Pestiziden Rotenon und Paraquat hat, konnte es nicht ausbleiben, dass der vermehrte Einsatz von Pestiziden in Landwirtschaft und Garten generell in den Verdacht geriet, die häufigste Bewegungsstörung bei älteren Menschen auszulösen. Dieser Zusammenhang wurde seither in mindestens 40 Fall-Kontroll-Studien untersucht. Terry Brown vom Medical Research Council in Leicester und Mitarbeiter kamen Anfang des Jahres zu dem sibyllinischen Schluss, dass das Gewicht der Evidenz für eine Assoziation spricht, für einen kausalen Beweis aber nicht ausreicht (Environmental Health Perspectives 2006; 114: 156-164). Eine kausale Beziehung lässt sich auch durch eine prospektive Beobachtungsstudie nicht herstellen, doch wiegt diese Art der epidemiologischen Beweisführung zweifellos mehr als 40 Fall-Kontroll-Studien.

Alberto Ascherio von der Harvard School of Public Health hat die Daten der Cancer Prevention Study II ausgewertet. An dieser vom US-National Cancer Institute durchgeführten Untersuchung beteiligten sich 1982 1,2 Millionen Amerikaner. Sie wurden unter anderem nach ihrer Exposition nach Pestiziden in Beruf und Freizeit gefragt. Im Jahr 2001 fand eine erneute Befragung von 143.325 Teilnehmern statt. Erfasst wurden alle Personen, die seit 1992, also 10 Jahre nach der Erstbefragung einen Morbus Parkinson entwickelt hatten. Es fanden sich 413 Patienten, deren Exposition mit der Exposition der nicht erkrankten Teilnehmer verglichen wurde.

Ergebnis: Während zu einer Reihe anderer im Verdacht stehenden Exotoxine wie Asbest, Kohlen- oder Mineralstaub, Chemikalien, Säuren oder Lösungsmittel keine Assoziation gefunden wurde, erkrankten Menschen, die mit Pestiziden in Kontakt geraten waren, zu 70 Prozent häufiger an einem Morbus Parkinson. Dabei machte es keinen Unterschied, ob sie als Landwirte beruflich mit den Substanzen zu tun hatten oder ob sie sie privat, etwa im Garten angewendet hatten.

Trotz der hohen Fallzahl ist die Studie nicht beweisend. Ihre Hauptschwäche besteht darin, dass die Befragten keine Angaben zu Dauer, Häufigkeit und der Intensität der Pestizidexposition gemacht haben. Es ließ sich deshalb keine Dosis-Wirkungsbeziehung herstellen, die den Zusammenhang untermauert hätte. Deshalb bleibt die Frage letztlich offen, und es dürfte noch weitere Studien in dieser Frage geben. /rme

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