01. Juni 2005

GRÜNE: Agroforstsysteme für die Landwirtschaft

Themen: Archiv — info @ 13:06

Berlin (agrar.de) – Zum Unesco-Welt-Bauerntag am 1. Juni erklärt Cornelia Behm, Mitglied im Ausschuss für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft von Bündnis 90 / Die Grünen:

‚Um dem weltweiten Höfesterben zu begegnen, müssen überall die Agrarstrukturen an die veränderten Weltmarktbedingungen angepasst werden. Wichtige Aspekte sind dabei die Diversifizierung der Landwirtschaft sowie veränderte Landnutzungssysteme. Eine in Deutschland heute kaum mehr anzutreffende Landnutzungsform sind Agroforstsysteme. Dabei werden Ackerkulturen und Gehölze auf landwirtschaftlicher Nutzfläche gemeinsam angebaut.

Das EU-Forschungsprojekt ‚Agroforstwirtschaft für Europa‘ (Silvoarable Agroforestry For Europe, SAFE) hat gezeigt, dass solche Agroforstsysteme nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern meist auch wirtschaftlich interessant sind. Die Gesamterträge bei der Mischung von Acker- und Baumkulturen sind oftmals nicht nur gleichwertig, sondern können zum Teil sogar gesteigert werden. Es lohnt sich daher, diese Form der Landbewirtschaftung, ihre Praxis, politische Handhabung und Forschung in Deutschland und Europa voranzubringen.

Ein bekanntes Beispiel für traditionelle Agroforstsysteme sind Streuobstwiesen oder Hecken, die seit jeher zur Agrarkulturlandschaft gehören. Seit Beginn der Industrialisierung der Landwirtschaft im letzten Jahrhundert sind allerdings immer mehr Bäume aus unserer Agrarlandschaft verschwunden. Sie standen der Mechanisierung mit immer größeren Landmaschinen im Wege. Moderne Agroforstsysteme sind so angelegt, dass die Arbeitsbreite gebräuchlicher Landmaschinen die Flächenstruktur bestimmt. Die Gehölze sind zumeist für eine Nutzung als Energie- oder Wertholz vorgesehen, zum Teil auch, um Früchte wie Holunder, Hasel- oder Walnüsse zu liefern. Dazwischen werden verschiedene landwirtschaftliche Kulturen angebaut.

Der ökologische Nutzen der Agroforstwirtschaft liegt auf der Hand: Wind- und Erosionsschutz, Schutz vor Nährstoffverlusten, Senke für Kohlendioxid, Lebensraum für Pflanzen und Tiere und Schaffung einer unvergleichlichen Landschaftsästhetik. Die Entwicklung moderner Agroforstsysteme in Frankreich und England zeigt, dass sich Bäume auf landwirtschaftlichen Nutzflächen produktiv in die heutige europäische Landwirtschaft integrieren lassen und dass sie durchaus das heute übliche hohe Ertragsniveau erreichen können. Der Grund liegt darin, dass Bäume und Ackerkulturen unterschiedliche Wasser- und Nährstoffressourcen aus unterschiedlichen Bodenhorizonten nutzen. Wenn eine entsprechende Pflanzenkombination gewählt wird, konkurrieren sie also kaum miteinander.

Die landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland sollten die Anlage von Agroforstsystemen prüfen. Bisher ist allerdings den wenigsten Landwirten bekannt, unter welchen Bedingungen diese Form der Landbewirtschaftung zukunftsweisend und eine Alternative zur konventionellen Landnutzung ist. Hier besteht Informationsbedarf. Daher brauchen wir die Einrichtung einer Informations- und Koordinationsstelle.

Es besteht aber auch weiterer Forschungsbedarf, um den Landwirten Optionen mit einer sicheren wirtschaftlichen Perspektive bieten zu können. Die Agrarfakultäten und die außeruniversitären Agrarforschungseinrichtungen sollten dieses Forschungsthema zukünftig verstärkt bearbeiten. Auch hier kann eine Koordinationsstelle wichtige Arbeit leisten.

Notwendig ist eine klare Abgrenzung von Agroforstsystemen gegenüber Wald im Bundeswaldgesetz. Damit wird ausgeschlossen, dass Äcker, die zu Agroforstsystemen aufgewertet werden, zukünftig den Vorgaben des Bundeswaldgesetzes unterliegen. Außerdem ist dann ausgeschlossen, dass Wälder in Agroforstsysteme umgewandelt werden können, denn das wäre ökologisch kontraproduktiv.

Die Agrarförderung muss an diese Landnutzungsform angepasst werden. Der Entwurf für die EU-Verordnung zur Förderung der Entwicklung ländlicher Räume ab dem Jahr 2007 (ELER) sieht Beihilfen für die Ersteinrichtung von Agroforstsystemen vor. Diese Förderung muss auch die Pflege der Baumkulturen bis zu den ersten Erträgen umfassen. Für diejenigen Agroforstsysteme, für die die Bauern anders als bei Ackerland keine Flächenprämie erhalten, muss in Anlehnung an die Erstaufforstungsprämie eine Prämie eingeführt werden. Diese muss bis zu den ersten Erträgen aus der Baumkultur gezahlt werden.

Unter den genannten Bedingungen haben Agroforstsysteme eine große Zukunft in der deutschen Landwirtschaft, da sie ein Weg sind, die Wertschöpfung im ländlichen Raum zu erhöhen.‘

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