19. März 2004

Landwirtschaftlicher Strukturwandel und Konzentrationsprozess im Südwesten schreitet weiter voran

Themen: Archiv,Pacht&Besitz,Rinder,Statistik — info @ 15:03

Meister-Scheufelen: Landwirte stehen unter erheblichem Anpassungsdruck

Stuttgart (agrar.de) – Der Strukturwandel in der Landwirtschaft hält unvermindert an. Dies zeigen die Ergebnisse der im Frühjahr 2003 bei allen landwirtschaftlichen Betrieben durchgeführten Agrarstrukturerhebung, der ersten Großzählung seit der Landwirtschaftszählung 1999. Umfassende Ergebnisse aus der Agrarstrukturerhebung 2003 für Baden-Württemberg stellte die Präsidentin des Statistischen Landesamtes, Dr. Gisela Meister-Scheufelen, heute der Presse vor.

Demnach nahm die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Baden-Württemberg seit der Landwirtschaftszählung 1979 von 131.800 Betrieben auf 65.800 Betriebe in 2003 ab. Im Zuge des landwirtschaftlichen Strukturwandels kam es damit im Südwesten innerhalb eines knappen viertel Jahrhunderts zu einer Halbierung der Zahl landwirtschaftlicher Betriebe. Das Tempo, mit dem der Strukturwandel abläuft, hat sich in den 1990er-Jahren beschleunigt und in den letzten vier Jahren noch weiter verschärft: Im Vergleich zu 1999 ging die Betriebszahl bis 2003 um 10.100 Betriebe zurück (-13,3 Prozent). Durchschnittlich gaben in diesem Zeitraum somit 2.500 Landwirte pro Jahr ihren Betrieb auf. Mit einer jahresdurchschnittlichen Abnahmerate von – 3,5 Prozent wurde der höchste Wert der letzten Jahrzehnte erreicht. Dagegen lag die jährliche Abnahmerate der Betriebe in den 1980er-Jahren bei – 2,3 Prozent und in den 1990er-Jahren bei – 3,3 Prozent.

Flächenausstattung der landwirtschaftlichen Betriebe wächst weiter an

Gleichzeitig hat im Zuge des Strukturwandels die Zahl der größeren Betriebe stark zugenommen. Seit 1979 haben sich die Betriebe mit 50 bis 75 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche (LF) von rund 1.200 auf knapp 4.300 mehr als verdreieinhalbfacht, Betriebe mit 75 bis 100 ha LF von fast 300 auf über 2.000 versiebenfacht und Betriebe mit mehr als 100 ha LF von unter 300 auf über 2.100 sogar nahezu verachtfacht. Allerdings zeigt sich im Zeitraum 1999 bis 2003 erstmals ein leichter Rückgang der Betriebe zwischen 50 bis 75 ha LF. Dies deutet darauf hin, dass die sogenannte Wachstumsschwelle, ein auf die landwirtschaftlich genutzte Fläche bezogener Grenzwert der Betriebsgröße, unterhalb dem die Zahl der Betriebe ab- und oberhalb dessen die Zahl der Betriebe zunimmt, sich weiter nach oben verschoben hat und inzwischen bei etwa 75 ha LF liegen dürfte. Innerhalb von nur vier Jahren nahm die Zahl der vergleichsweise größeren Betriebe mit 75 und mehr ha LF um über ein Viertel auf beinahe 4.200 Betriebe in 2003 zu.

Obgleich sie damit lediglich 6,3 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe repräsentieren, bewirtschaften sie ein Drittel der 1,45 Millionen ha landwirtschaftlich genutzten Fläche Baden-Württembergs.

Entsprechend der Zunahme größerer landwirtschaftlicher Betriebe weist die Entwicklung der durchschnittlichen Betriebsgröße eine steigende Tendenz auf. Die Landwirte in Baden-Württemberg bewirtschafteten in 2003 durchschnittlich 22,1 ha LF. In 1999 lag der Wert dieser Kenngröße noch bei 19,4 ha LF und in 1979 erst bei 11,4 ha LF. Innerhalb von knapp zweieinhalb Jahrzehnten ist damit eine Verdoppelung der durchschnittlichen Betriebsgröße zu verzeichnen. Im Vergleich zum Bundesgebiet fällt in Baden-Württemberg diese Kenngröße traditionell aufgrund struktureller Unterschiede deutlich niedriger aus. Nach vorläufigen Ergebnissen liegt sie für das frühere Bundesgebiet bei knapp 30 ha LF und in den neuen Ländern bei 184 ha LF (Deutschland: 40 ha LF).

Pachtflächen werden immer wichtiger und teurer

Für das Flächenwachstum der landwirtschaftlichen Betriebe reicht die im unmittelbaren Eigentum der Betriebe befindliche Fläche nicht mehr aus. Zur betrieblichen Flächenaufstockung werden deshalb vor allem über Pachtungen die durch Betriebsaufgaben oder -verkleinerungen freigewordenen Flächen genutzt. Zwei Drittel der Betriebe im Südwesten bewirtschafteten in 2003 ausschließlich oder in Ergänzung zu ihren eigenen Flächen Pachtflächen. Im Vergleich zu 1999 stiegen die Pachtflächen um 31.100 ha LF (3,8 Prozent) auf 842.200 ha LF an.

Der Pachtflächenanteil erhöhte sich somit innerhalb von vier Jahren von 55,3 Prozent auf 58,3 Prozent und erreicht damit einen neuen Höchststand. Zum Vergleich: Vor etwas mehr als einem Jahrzehnt überwogen noch deutlich die eigenen und selbstbewirtschafteten Flächen: 1991 lag der Anteil der Pachtflächen erst bei 45,1 Prozent. Die Bedeutung der Pachtflächen hat nicht nur im Zeitablauf erheblich an Bedeutung gewonnen, sondern sie steigt auch mit zunehmender Betriebsgröße an. So sind in den landwirtschaftlichen Betrieben mit 50 bis 100 ha LF bereits zwei Drittel der bewirtschafteten Fläche zugepachtet, und in Betrieben mit 100 und mehr LF sogar drei Viertel. Einen Pachtflächenanteil von unter 50 Prozent weisen nur noch die kleineren Betriebe mit weniger als 30 ha LF auf.

Die Pachtungen ermöglichen zwar den Landwirten die Erweiterung der betrieblichen Produktionskapazitäten, andererseits verringert die für die Nutzung zu zahlende Pacht unmittelbar das Einkommen der Landwirte. Der bereits in der Vergangenheit zu beobachtende Trend zur Verteuerung der Pachtpreise hielt auch im Zeitraum 1999 bis 2003 unvermindert an, in dem das durchschnittliche Pachtentgelt von 172 Euro/ha auf 183 Euro/ha anstieg (6,4 Prozent). Die Pachtpreise fallen allerdings je nach Nutzungsart beachtlich unterschiedlich aus: Für Grünland waren im Durchschnitt 115 Euro/ha zu entrichten, während die Landwirte für Ackerland 218 Euro/ha und für Rebland sogar 1.128 Euro/ha bezahlten.

Haupterwerbsbetriebe bilden das Rückgrat der Landwirtschaft

Nach wie vor wird der weit überwiegende Teil der landwirtschaftlichen Betriebe – 61.600 oder 93,7 Prozent – als klassischer Familienbetrieb geführt. Allerdings dienen immer weniger Betriebe als alleinige oder überwiegende Quelle des Lebensunterhalts. Im Zeitraum 1999 bis 2003 nahmen die Haupterwerbsbetriebe in Baden-Württemberg um 3.200 Betriebe auf 22.000 Betriebe ab (-12,7 Prozent). Diese rückläufige Entwicklung fügt sich nahtlos in den längerfristigen Trend ein: Zwischen 1979 und 2003 ging die Zahl der Haupterwerbsbetriebe um über 60 Prozent zurück. Bei den Nebenerwerbsbetrieben, die in Baden-Württemberg traditionell eine große Bedeutung haben, fiel der Rückgang im gleichen Zeitraum deutlich geringer aus (-47 Prozent). Offenbar waren diese in Kombination von landwirtschaftlicher und außerlandwirtschaftlicher Tätigkeit bewirtschafteten Betriebe dem Strukturwandel gegenüber etwas weniger anfällig als die Haupterwerbsbetriebe. Allerdings könnte hier in den letzten Jahren eine Änderung eingetreten sein. Dies legt zumindest der seit Mitte der 1990er-Jahre im Vergleich zu den Haupterwerbsbetrieben deutlich stärker ausgeprägte Rückgang nahe; so beispielsweise im Zeitraum 1999 bis 2003 eine Abnahme um 8.200 Betriebe auf nunmehr 39.600 Nebenerwerbsbetriebe (-17,2 Prozent). Obwohl die Haupterwerbsbetriebe lediglich ein Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe umfassen, stellen sie das Rückgrat der Landwirtschaft im Südwesten dar und dominieren bei den Produktionsanteilen eindeutig. Sie bewirtschaften 61,6 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche. Zudem werden von ihnen 70 Prozent des Rinderbestandes im Land gehalten und in ihren Ställen stehen 70 Prozent des Schweinebestandes. Mit einer durchschnittlichen Betriebsfläche von 40,6 ha LF bewirtschaftet ein Haupterwerbslandwirt eine rund vier Mal größere Fläche als ein Nebenerwerbslandwirt (9,9 ha LF).

Immer weniger Arbeitskräfte – Familienarbeitskräfte verlieren an Bedeutung

Die Entwicklung der Arbeitskräfte2) in der Landwirtschaft befindet sich bei anhaltendem Strukturwandel weiterhin auf Talfahrt. In 2003 beschäftigte dieser Wirtschaftsbereich in Baden-Württemberg noch 229.800 Arbeitskräfte. Dies waren 23.100 Beschäftigte oder 9,1 Prozent weniger als 1999. Nur noch jeder Sechste arbeitet gegenwärtig als in Vollzeit Tätiger (36.900 Personen) in der Landwirtschaft. 1979 war es hingegen noch jeder Vierte. Weit mehr als die Hälfte der Beschäftigten (125.400 Personen) erbringt zwar regelmäßig Arbeitsleistung für den landwirtschaftlichen Betrieb, ist vom Beschäftigungsumfang her betrachtet jedoch nur in Teilzeit tätig. Bemerkenswert hoch ist in der heimischen Landwirtschaft auch die Zahl der nicht regelmäßig beschäftigten Arbeitskräfte (Saisonarbeitskräfte), deren Arbeitseinsatz nur einige Wochen oder Monate dauert (67.500 Personen).

Wie bereits in den vergangenen Jahrzehnten waren von dem Arbeitskräfterückgang insbesondere die Familienarbeitskräfte (einschließlich Betriebsinhaber) betroffen, deren Zahl im Vergleich zu 1999 weiter um 31.000 Personen auf 133.900 abnahm (-18,8 Prozent). Damit verringerte sich zugleich deren Anteil an den gesamten landwirtschaftlichen Arbeitskräften von 65,2 Prozent auf einen neuen Tiefststand von nur noch 58,3 Prozent. Im Unterschied hierzu war bei den Nicht-Familienarbeitskräften – den ständig Beschäftigten (28.400) und den Saisonarbeitskräften (67.500) – insgesamt ein Anstieg um 7.900 Personen auf 95.900 Beschäftigte zu verzeichnen (8,9 Prozent). Auf die im Land dominierenden Familienbetriebe entfallen fast 90 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Arbeitskräfte. Für die Familienbetriebe gewinnen die Saisonarbeitskräfte angesichts des Rückgangs an Familienarbeitskräften wachsende Bedeutung. Allein 84,2 Prozent der Saisonarbeitskräfte sind hier beschäftigt.

Die landwirtschaftlichen Betriebe erzielten in den zurückliegenden Jahren beachtliche Produktivitätsfortschritte. So hat sich nicht nur der Arbeitskräfteeinsatz (ausgedrückt in Arbeitskrafteinheiten – AKE) je Flächeneinheit seit 1999 von 5,9 auf 5,3 AKE je 100 ha LF erneut verringert und damit gegenüber 1979 nahezu halbiert. Es wurden auch die Leistungen erheblich gesteigert. Beispielsweise stieg der durchschnittliche Getreideertrag von 44,5 Dezitonnen je Hektar im Jahr 1979 auf Ernteerträge, die, mit Ausnahme des Trocken- und Hitzejahres 2003, seit 1996 zum Teil sehr deutlich jenseits der Marke von 60 dt/ha liegen. Die jährliche Milchleistung je Kuh stieg in diesem Zeitraum von 3.900 kg auf 5.800 kg an.

Immer weniger, aber immer größere Tierbestände

Der Strukturwandel in der Landwirtschaft macht auch vor den viehhaltenden Betrieben nicht halt. Seit Jahrzehnten ist ein starker Rückgang der Viehhaltungen zu beobachten, der insbesondere Betriebe mit kleineren Viehbeständen erfasst. In 2003 hielten gerade noch 42.200 landwirtschaftliche Betriebe in Baden-Württemberg Viehbestände. Dies waren 8.100 Betriebe weniger als noch 1999 (-16,1 Prozent). Der Der Anteil der Betriebe mit Viehhaltung ist damit zugleich auf einen neuen Tiefststand abgesunken. War 1979 die Viehhaltung noch in fast 84 Prozent der Betriebe vorzufinden, hielten 2003 weniger als zwei Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe Vieh.

Die Entwicklung der einzelnen Tierbestände verläuft dabei insgesamt sehr unterschiedlich. Auffällig ist die weiter anhaltende Zunahme von Tierkategorien, die für eine extensive Landschaftsnutzung (Ammen- und Mutterkühe, Schafe) oder für eine an den Bedürfnissen der Freizeitgesellschaft orientierte Landwirtschaft (Pferde) stehen. Im Vergleich zu 1999 nahm die Zahl der Pferde um 7.300 auf 64.200 zu. Die Zahl der Schafe stieg um 6.500 auf 301.200 an, während die Zahl der Ammen- und Mutterkühe auf hohem Niveau weit gehend konstant blieb (63.200). Dem steht bei den ‚klassischen‘ arbeitsintensiven Tierhaltungszweigen eine gegenläufige Entwicklung entgegen. Insbesondere der langjährig rückläufige Trend in der Rinderhaltung fand eine weitere Fortsetzung. Zwischen 1999 und 2003 gingen die Rinderbestände im Land um 131.000 Tiere auf einen neuen Tiefsstand von 1,14 Mill. Rinder zurück (-10,3 Prozent). Die Schweinbestände verzeichneten im gleichen Zeitraum einen hierzu verhältnismäßig moderaten Rückgang um 12.200 Tiere auf 2,3 Mill. Schweine (-0,5 Prozent). Allgemein ist bei allen Tierarten und Nutzungsrichtungen eine erhebliche Steigerung der durchschnittlichen Viehbestände je Tierhalter festzustellen. Beispielsweise stieg der durchschnittliche Rinderbestand je Halter seit 1979 von 22 auf 43 Rinder an, der Milchkuhbestand je Halter von 9 auf 24 Milchkühe und der Schweinebestand je Halter von 25 auf 136 Schweine.

Links zum Thema Agrarbericht und Statistik, Links zum Bundesland Baden-Württemberg.




   (c)1997-2017 @grar.de